Nacht
Für ein Hotelbett in der ersten Nacht schlafe ich gut. Die Matratze schmiegt den Rücken. Die Ohrenstöpsel blenden Gequake und Gepiepse aus dem Nachbarzimmer aus. Dicke Vorhänge verdunkeln das Zimmer zuverlässig. Nur rolle ich schlafend immer wieder kantwärts, aber ich wache immer auf, bevor ich aus dem Bett falle.
Gurkenträume
Die Träume sind wirr. In einem gehe ich mit meiner Mutter in einen großen türkischen Gemüsemarkt. Mama beschwert sich, dass die Einlegegurken so teuer geworden wären. Ich möchte trotzdem welche kaufen. Es gibt viele verschiedene Gurken. Ich möchte so kleine Cornichons haben, um sie im Sud eines leergefutterten Gurkenglases einzulegen. Ich habe vor, noch extra Knoblauch und Chili hinzuzufügen. Die Gurken liegen in Erde und ich suche mir welche zusammen. Dazu Bratpaprika. Der Abroller für diese kleinen, leichten Plastiktüten ist in der Wand befestigt. Das ist sehr praktisch, denn man muss nur am Tütchen ziehen und schon hat man eines in der Hand.
Morgen
Der Wecker weckt um 6:30 Uhr. Beim Aufbau der Bialetti stelle ich fest, dass ich die Tasse zu Hause vergessen habe. Aus dem Zahnputzbecher aus Pappe möchte ich meinen Espresso aber nicht trinken, also fällt der Morgentrunk leider aus. Bis zum Frühstück um 7:30 Uhr ist es aber eh nicht so lange.
Die Zeit bis dahin verbringe ich mit Bloggen und Lesen.
Frühstück
Das Frühstück ist wie erwartet einfach, aber ganz in Ordnung. Die Müsli-Auswahl gefällt mir besser als die im Ibis. Immerhin gibt es hier Sonnenblumenkerne, Trockenfrüchte und sogar Bananen-Chips. Leider ist der Vollautomat kaputt und deswegen muss die eine junge Dame von der Rezeption nicht nur das Büffet auffüllen, sondern auch Kaffeetassen verteilen.

Tassen fassen
Da der Herr Student seinen Weisheitsschlaf nötig hat, sind wir erst gegen Mittag verabredet. Ich nutze die Zeit für einen Spaziergang zur Weser. Hier treffe ich auf einen kleinen Flohmarkt und kaufe ganz ohne Feilschen eine Tasse mit roten Hirschen darauf. Wenn ihr mich mal feilschen sehen wollt, dann guckt Euch mal die Szene in “Das Leben des Brian“ an, wo Brian versucht, auf einem Markt einen falschen Bart zu kaufen.
Ich zahle einen Euro und bin jetzt stolzer Besitzer einer eher weihnachtlichen Hirschtasse mit einem leichten Katsch oben an der Kante. Wenn ich mir jetzt noch ein wenig Spüli besorge, dann wird es doch noch was mit dem Espresso auf dem Hotelzimmer.
Bei “Ma“ an den Schlachten trinke ich einen doppelten Espresso. Bald wird es doch ein wenig kühl. Der Niesel regnet sich ein. Funktionsjackenzeit.
Holy Shit
Im Hauptbahnhof Bremen hat ein Stand für den Youtuber-Brause “Holy“ eröffnet und eine Schlange an Wartenden verläuft bis fast zum Ausgang. Ich sehe in der Schlange sogar Menschen mit “Holy“-Aufdrucken auf ihren Hoodies. Alle bekloppt geworden!
Oldenburg
Der Thronfolger und ich treffen uns. Gemeinsam fahren wir mit dem RS30 nach Oldenburg, denn eine getrennte Fahrt wäre ja albern. Wir wissen kaum etwas über diese Stadt und lassen uns fröhlich überraschen. Wir sehen entspannte Menschen und spüren Ackerbürger-Vibes. Auf unserer großen Runde kehren wir im “Leuchtturm“, der Gastronomie eines großen Freibades, ein. Das Haus schafft den Spagat zwischen einfachen Freibadpommes und dem “ein bisschen was Besonderes“. Ich esse gratinierten Ziegenkäse auf Rote Beete mit Rucola und bin sehr angetan. Danach Fisch mit Kartoffelsalat. Alles sehr gut (auch wenn der Fisch sicher schon in einer Fabrik in seine Teighülle geschlüpft ist). Das Personal ist sehr freundlich und zuvorkommend.
Im Stadtmuseum lese ich folgende Sätze:
“Oldenburg wurde im 2. Weltkrieg kaum bombardiert und zerstört. Dadurch behielt die Stadt trotz des raschen Wachstums ihren charmanten Charakter als beschauliche Residenzstadt.“ Das passt zu 100% auf unseren Eindruck. Oldenburg ist nicht die Stadt, bei deren Erwähnung die Leute anerkennend die Augenbraue heben, aber es lässt sich hier sicher sehr, sehr gut leben.
Die Oldenburger verehren ihren Graf Anton Günther (bodenständiger Name), der die Stadt aus dem 30jährigen Krieg herausgehalten hat.
Der Bericht eines Zeitzeugen vom Ende des zweiten Weltkrieges berührt mich sehr. Als die kanadischen Truppen vor der Stadt standen, zog sich die Wehrmacht zur großen Erleichterung der Einwohner zurück. Kurz nach Mitternacht klingelte im Rathaus das Telefon. Der Zeitzeuge ging ran und am anderen Ende der Leitung war ein kanadischer Offizier, der deutsch sprach. Dieser sagte, dass man die Geschütze auf die Stadt ausgerichtet habe. Auf ihre Anfrage nach Übergabe der Stadt am Nachmittag habe man keine Antwort erhalten. Es sei nun viertel nach null Uhr. Um null Uhr dreißig würde man das Feuer eröffnen. Dem Zeitzeugen rutschte das Herz in die Hose und er sagte, dass man sich doch bereits den Briten ergeben habe. Davon, so der Kanadier, wisse man nichts. Der Beschuss der Stadt konnte abgewendet werden.
Der Thronfolger und ich besuchen noch den botanischen Garten der Universität. Hier ist Großbaustelle, trotzdem kann man den Garten besuchen. Alles ist sehr liebevoll gestaltet und beschildert. Besonders faszinierend finde ich die “Ahnenreihen“ unserer Kulturpflanzen bis zu ihrer wilden Form. Im Sukkuluentenhaus dann Kakteen. Ich mag das Wort “Sukkulenten“ (“Für uns bitte keine Sahnetorte – wir sind alles Sukkulenten.“).
Von botanischen Garten aus laufen wir zu einem kleinen Nebenbahnhof. Wir kommen an einer Restaurantkneipe namens “Mephisto“ vorbei. Hier sind viele fröhliche Menschen. Der Koch oder der Wirt, der draußen an einem Grill steht, bittet uns freundlich hinein. Wäre ich noch in Amt und Würde, würde ich hier sicher versacken, aber jetzt lehnen wir nur höflich ab und gehen weiter.
Da es so lange bis zur Abfahrt des Zuges nach Bremen dauert, fahren wir einfach mit dem RS30 bis zu seinem Endhalt in Bad Zwischenahn. Dann waren wir hier auch schon mal, auch wenn wir außer dem Bahnsteig nicht viel von der Stadt sehen.
In Bremen hat der Holy-Stand geschlossen. Es liegt Trauer in der Luft. Der Thronfoler kauft im bahnhofsnahen Rewe ein paar Lebensmittel, ich greife zu Paulaner Spezi Zero. In diesem Rewe herrscht immer Partystimmung. Meiner Liste von Jobs, die ich niemals ausüben möchte, füge ich diesen Rewe hier hinzu. In Duisburg sind die Leute wenigstens normal bekloppt.
An der Straßenbahn verabschieden der Thronfolger und ich uns voneinander. Er fährt zu seiner Bude, ich laufe ins Hotel.
Hier springe ich nur noch schnell unter die Dusche und falle dann müde auf das Bett. 32.211 Schritte.