Erholung
Langsame Erholung. Konnte mich gut ausruhen und ich bin in der Lage, meine geplante Reise nach Bremen verspätet doch noch anzutreten.
Die Änderungen in meinem Inneren haben mich viel Kraft gekostet. Momentan scheint ein wenig Ruhe in den Konflikt eingetreten zu sein.
Reisefieber
Innere Unruhe steigt an. Bin vor der Reise nervös wie schon lange nicht mehr. Schon seltsam, dass mich eine Fahrt, die eigentlich überhaupt keinen Anlass zur Aufregung sein sollte, mich derart unter Strom setzt. Die Fahrt nach Bremen dauert nicht besonders lang, das Hotelzimmer ist gebucht und das Hotel mir schon bekannt. Ich habe genügend Zeit eingeplant. Dennoch wibbele ich daheim herum wie beim Warten aufs Christkind.
Der Zeitpunkt fürs Losgehen kommt einer Erlösung gleich.
Taschenkauf
Wie immer, wenn ich es mir nervlich nicht so gut geht, will ich mir etwas Schönes kaufen. Also logge ich mich beim Taschenkaufhaus ein und bestelle mir eine neue Umhängetäsche, in welcher der Zerowriter Ink in seinem Sleeve zukünftig noch besser wohnen kann als in der doch sehr rudimentären Bollertasche. Irgendwie bin ich unverbessserlich.
Zugfahrt nach Bremen
Der ICE, auf den ich umgebucht habe, fällt aus. Immerhin habe ich die nun verfallende Sitzplatzreservierung mit Punkten statt mit Geld bezahlt. So ein Vorgang fühlt sich für mich an, als würde ich in der Bäckerei mit Spielgeld bezahlen.
Den nächsten ICE entere ich reservierungslos, denn er ist laut Navigator ausgebucht. Trotzdem bekomme ich problemlos erst einen Sitzplatz bis Osnabrück, dann wird ein gänzlich unreservierter Platz nebenan frei. Ob vielleicht in den ICEs nicht alle Plätze zur Reservierung eingeplant werden, damit Spontanreisende nicht auch noch die Gänge verstopfen? Oder sind die Sitzplatzreservierungen grundsätzlich kurz vor Abfahrt eines Zuges „ausgebucht“?
Leute haben Bollerwagengepäck in das Fahrradabteil gestellt und wir bleiben jetzt so lange in Dortmund stehen, bis sich die Schuldigen gemeldet haben.
Strafe muss sein!
Hotel
Mein Bremer Hotel ist modern, sauber und zweckmäßig. Die Hakendichte im Zimmer dürfte den Postwestfalen erfreuen. Jedoch glitzern hier nahezu sämtliche Ablageflächen durch Abwesenheit. Zum Glück reise ich ja solitär ohne meinen Zwilling und kann meinen Kram daher auf dem zweiten Bett des „Twin-Room“ ausbreiten.
Da es in Hotels ja meist nur „All-in-One“-Duschgel gibt, habe ich in einer meiner Travel-Dudes Shampoo dabei. Mir fällt beim Auspacken auf, dass es ich seinerzeit im Rossmann in Nova Goricia gekauft habe und bekomme Fernweh, obwohl ich doch gerade in der Ferne weile. Der Mensch ist wohl niemals zufrieden.
Tastenklemme
Beim Zerowriter Ink klemmt die linke Shift-Taste. Ich ziehe die Taste raus und der Switch löst sich gleich mit vom Board. Da hat sich dieses ungleiche Paar doch in wilder Leidenschaft ineinander verkeilt. Ich trenne die Liebenden und setze sie vorsichtig an ihren Platz. Alles tippt jetzt wieder wie geschmiert.
Gleis 11
Der Thronfolger und ich treffen uns am Hauptbahnhof, denn wir wollen einen Ausflug nach Bremerhaven machen. Da ich noch ein wenig Zeit habe, drehe ich eine Runde durch die Verkaufshallen und Garküchen, um ein paar Postkarten zu besorgen.
Ein großer, schwarzer Mann möchte in einem Schreibwarenladen einen Nagelknipser kaufen. Diesen gibt es aber leider nur in einem Maniküre-Set. Das Englisch der kleinen, kopftuchtragenden jungen Frau ist nicht so gut und deswegen fällt es ihr schwer, ihm den Weg zum Rossmann zu weisen. Sie bittet mich um Hilfe und ich handfuße ihm die Richtung („Rossmann! Drugstore with a red logo!“).
Ich denke mir das nicht aus!
Die Bahnhofskneipe heißt „Gleis 11“ und als ich gegen halb zehn Uhr morgens an ihr vorübergehe, steht hier schon die Wodkaflasche auf dem Tresen. Ich schnicke ein stilles Dankesgebet gen Himmel, dass ich aus diesem Karrusell ausgestiegen bin, sonst hätte ich vielleicht dabei gesessen und hätte mir eingeredet, dass ich den geplanten Tag mit dem Sohn trotz der Übernächtigung und dem bedrohlichen Alkoholspiegel „schon irgendwie hinkriegen“ würde.
Es sind viele Verwirrte unterwegs. Auf dem Vorplatz steht stramm eine große Frau und versucht, mit einem Kaffee in der Hand die Frühlingssonne zu genießen. Sie ist recht schön anzuschauen mit ihrem kurzen Rock und den langen Haaren. Ein alter verwirrter Mann denkt wohl ähnlich wie ich und brabbelt in ihre Richtung. Sie versucht, ihn damenhaft zu ignorieren.
Ebenfalls vor dem Bahnhof hat sich ein junger schwarzer Mann unter die Verkaufstheke eines geschlossenen Imbisses geklemmt und zuckt.
Bremen wirkt auf mich eigentlich wie die junge, leicht sommersprossige Schwester von Hamburg, doch manchmal sieht man in den Winkeln ihrer grünen Augen eine befremdliche Bosheit aufblitzen.
Bremerhaven
Der Thronfolger und ich treffen uns auf dem Bahnsteig und steigen direkt in den RE8 ein. Der Zug ist ganz gut mit Ausflüglerinnen und Ausflüglern bestückt. Guttarale, bayerische Stimmen mischen sich unter schwäbelnde Schnäbel. Dazu hört man leichtes Sächseln. Die Stimmung ist gelöst.
Kurz vor Bremerhaven bleibt der Zugt auf freier Strecke stehen. Der Lokführer macht eine entsprechende Durchsage und seine Stimme klingt dabei dermaßen nach durchzechter Nacht (Tanz in den Mai!), dass der gesamte Waggon anfängt zu lachen.
Am HBF Bremerhaven hören wir die Durchsage, dass es hier keinerlei Anschlüsse zu verpassen gäbe. Wenn man nach Cuxhaven weiter wolle, müssen man in Lehe umsteigen.
Dem Thronfolger und mir hat man erzählt, dass Bremerhaven ziemlich abgeranzt sei. Uns aber präsentiert sich eine aufgeräumte, quirlige, schmucke Hafenstadt. Sind die Informationen, die uns erreicht haben, vielleicht veraltet? Sind die Informanten etwa versnobt? Oder sind wir als Duisburger einfach so sehr abgestumpft, dass wir offensichtliches Elend nicht mehr erkennen können?
Auf dem Weg zum Hafen sehen wir einen heimeligen alten Fischimbiss, der an Feiertagen jedoch leider geschlossen hat. Im herrlichsten Sonnenschein besichtigen wir das Museums-U-Boot. Ich bin heilfroh, dass ich nicht mehr so dick bin, denn mit meinem Höchstgewicht hätte ich nicht durch die Luken klettern können.
Dann geht es weiter zum Deutschen Schifffahrtsmuseum, wo man sich sicher auch heute noch über die Rechtschreibreform ärgert.
Die alte Kogge in der Koggenhalle ist größer, als man so denkt. Der junge Mann an der Kasse erklärt uns das Museum und verbreitet motivierte Freundlichkeit. Der Thronfolger und ich schlendern umher.
Nach der Kogge gehen wir rüber ins eigentliche Museum. Die Dauerausstellung gefällt mir nach ein wenig Eingewöhnung recht gut. Es gibt einzelne Stationen zu jedem Thema und man hat bei der Auswahl der Expontat Zurückhaltung geübt und ich fühle mich nicht von der Fülle der Ausstellungsstücke erschlagen. Der große, offene Raum der Werfthalle schafft eine angenehme Atmosphäre.
Glücklicherweise können wir auch noch die Sonderausstellung zur Forschungsreise der „Meteor“ in den 20er Jahren ansehen. Hier wird man anhand der Chronologie der Expedition(en) durch die Zeit geführt, was für mich nach dem Herumstromern auch ganz entspannend ist. Die Fahrt der Meteor wird gut in die Zeit eingebettet: Weimarer Republick, monarchistische, nationalistische Offiziere, „Auslandsdeutsche“, ehemalige Kolonien. Einer der Matrosen war von der Fahrt so sehr beeindruckt, dass er ganz offiziell den Doppelnamen „Bruckschen-Meteor“ annahm.
Wir purzeln mit vollen Köpfen und leeren Mägen in die frühe Nachmittagssonne. Hungrig kehren wir bei „Gosch“ ein (Papa zahlt). Das Essen (Scholle für den Thronfolger, Fischgrillteller für Papa) ist ganz in Ordnung, allerdings ganz schön teuer. Man zahlt hier für den Namen mit.
Nach der Speisung laufen wir am Wasser entlang. Es ist warm und ich habe ganz plötzlich ein starkes Urlaubsgefühl. Das hier ist ja gar kein kurzer Besuchs-Trip, sondern ein kleiner Mini-Urlaub! Die Erkenntnis nagelt mich an den Deich.
Durch die Stadt laufen wir zum Bahnhof Lehe. Es ist wirklich nett hier.
Die Frühlingsstimmung weicht einer spätsommerlichen Trägheit. Vor dem „Alten Bootsmann“ sitzen alte Bootsmänner und starren in ihr Bier.
Die Rückfahrt nach Bremen ist von einer gewissen Erschöpfung gezeichnet. In der großen Stadt drehen wir noch eine Runde über den Marktplatz. Damit hätte ich das übliche touristische Programm für Bremen auch beendet! Der grüne Weg durch die alte Wallanlage führt uns zum Hotel zurück. Es ist schön, dass es mitten in der Stadt eine kleine grüne Lunge gibt.
Vor dem Hotel verabschieden wir uns.
Auf dem Zimmer nehme ich erst einmal eine ausgiebige Dusche. Dann schreibe ich ein paar Postkarten und lege mich früh, von Müdigkeit erfüllt, ins Bett.
U-Boot „Wilhelm Bauer“
