Nacht
Erschöpfte, mittelgute Nacht. Ich beginne mich langsam, an die fremde Umgebung zu gewöhnen. Die viele
Bewegung hilft natürlich auch. Die Ohrenstöpsel leisten gute Dienste.
Luftwaffenmuseum
Nach dem Frühstück breche ich zeitig auf. Mit dem Zug geht es nach Spandau, hier steige ich in den Bus nach Berlin-Gatow um. Es geht in Militärhistorische Museum der Bundeswehr – Flugplatz Berlin-Gatow. Von der Bushaltestelle aus ist das Museum gut zu finden. So ein Flugplatz ist auch nicht gerade klein. In der Siedlung am Flugplatz ist gefühlt jede Straße nach irgendwelchen Flugpionieren benannt, es gibt sogar eine Mary Poppins-Grundschule. Mary Poppins kann ja auch fliegen.
Der Eintritt ins Museum ist frei. Es gibt recht viel Personal. Man gibt sich zivil und freundlich. Da ich ja recht viel militärhistorischen Kontext mitbringe, kann ich mich in erster Linie mit den Exponaten beschäftigen. Allerdings fällt mir auf, mit welcher Ernsthaftigkeit man sich hier um eine kritische Einordnung und Reflexion bemüht. Es geht viel um die Folgen des Luftkrieges, um die Einsätze der Bundeswehr, um PTBS und den Umgang damit. Ich finde es schade, dass diese ernsthaften Anstrengungen und die Selbstkritik in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. Es scheint bequemer zu sein, Militär pauschal als „kriegsgeile Rambos“ zu sehen.
Der erste Weltkrieg wird unter anderem dadurch abgedeckt, dass wir die reale Person Peter Falkenstein durch den Krieg begleiten. Erst war erst bei der Infanterie. Hier lernen wir den Grabenkrieg und seine Schrecken kennen. Dann wurde er verwundet (Lazarett, Lazarettzüge, Krankenpflegerinnen) und hat im Lazarett als Schreiber gearbeitet. Irgendwie hat er dann einen Posten bei den Fliegern bekommen und wird zum Bomberpiloten ausgebildet. Alles wird flankiert von den „großen“ Entwicklungen des Krieges, aber auch von den Briefen, die er an seine Familie geschickt hat und auch die Briefe seiner Familie an ihn sind erhalten. Man lernt auch sein familiäres Umfeld kennen (er stammt aus einer Müller-Familie). Erschüttert hat mich der abgestumpfte Ton des Kondolenzbriefes für seinen gefallenen Bruder. Das „Fliegerleben“ gefällt dem Peter ganz gut und er wirft frisch und fröhlich Bomben „auf den Franzosen“. Er reflektiert nicht, was er da gerade tut. Am Ende des Krieges erfüllt er sich einen Wunsch und fliegt eigenmächtig (!) nach Hause. Er landet in seinem Heimatdorf in der Eifel und überbringt die Nachricht über den Waffenstillstand persönlich.
Ich mag sehr, wie uns hier anhand einer persönlichen Geschichte die Weltgeschichte präsentiert wird. Die „großen“ Entscheidungen haben Auswirkungen auf die „kleinen“ Leute. Sie müssen mit der Situation zurechtkommen und Obstkerne für die Ölgewinnung sammeln. Oder mit improvisierten Grabendolchen andere junge Männer abstechen.
Die Flugzeuge draußen an der frischen Luft sind fast alle ziemlich rostig. Ich kann mir vorstellen, dass so ein Museum konservatorisch die Hölle ist.
Ich sehe eine Pershing 2 und Nike-Raketen. Da fällt mir ein, dass ich ja mal in Neuss in der Raketenstation Hombroich genau an der Stelle gestanden habe, an der mit Atomsprengköpfen bestückte Raketen gestartet wären. Die Nike-Raketen (eigentlich Flugabwehr, aber sie konnte auch gegen Bodenziele genutzt werden) wären zwar nicht bis Berlin gekommen, aber ihr wisst schon, welche Gedanken ich da habe.
Da das Gelände sehr groß ist, kann ich gemütlich und in Ruhe herumschlendern. Nur eine Schar kleine Kinder durchjubelt den großen Hangar.
Groß Glienicker See
Im Backshop des nahen Edeka esse ich ein Brötchen mit einer mächtigen Scheibe Kasseler-Braten und ein Mohnstrietzel. Eigentlich jammere ich hier ja ständig herum, dass ich nicht so viel Zucker essen sollte, aber wenn ich diese Nascherei einfach für mich behalte, merkt es doch keiner – und ihr erzählt es doch auch nicht weiter, oder?
Es geht weiter an den Groß Glienicker See. Er wurde einst von der deutsch-deutschen Grenze durchschnitten. Die Grenze ging sogar mitten durch ein Rittergut. Jetzt ist hier die Luft geschwängert von Datschen. Alles richtet sich auf den See auf. Große Autos knirschen über die Wege. Der DLRG hängt seine nassen Übungsklamotten auf und trinkt Kaffee. Zwei Burschen paddeln auf einem Gummiboot. Ich trinke ein alkoholfreies Störtebecker Bernsteinweizen. Auf dem Himmel ist so eine Glasscheibe und auf diese Glasscheibe hat jemand mit spitzen Fingern die Wolken wie Wattebäuschchen gelegt.
Eine kleine Hütte heißt Pink Pearl. Hier bereiten zwei sehr junge Menschen Kaffee zu und cremen Eis in die Waffeln. Der Kaffee schmeckt mir gut und gibt mir Energie für ein Stück des Berliner Mauerwegs.
Rieselfelder. Ich wäre so gern ein Rieselbauer. Ich würde meine Rieselfelder bestellen und auf meinem Rieselhof mit meiner <s>Riesel</s> Resi wohnen.
Der zurück nach Spandau ist weit, aber ich schaffe ihn. Hüftgelenke, Knie und Füße tun weh. Ich fahre mit der S-Bahn zurück nach Königs Wusterhausen. Hier fühle ich mich erstaunlicherweise wieder fit, gehe aber nur kurz zum Discounter und kaufe Wasser. Ich will es nicht allzu sehr übertreiben.
Mehr 35.000 Schritte. Total erschossen ins Bett.
Gemütlichkeit
Wenn Du mal in Berlin bist und eine gemütliche berliner Kneipe suchst, dann schau Dich nach einer gemütlichen berliner Kneipe um, auf der „gemütliche berliner Kneipe“ steht.
Alt-Gatow
Die alten Knochen schmerzen, als ich mich auf zum Bahnhof mache. Sie brauchen jeden Morgen länger, bis sie sich an die Bewegung gewöhnt haben. Dennoch will ich nicht verzagen und schreite munter, wenn auch leise stöhnend aus.
Im RE2 in Richtung Nauen (wo sie Dir die Socken klauen) rausche ich leisend durch Berlin hindurch. Auch wenn ich mich langsam an die Stadt gewöhne, so gibt sie mir immer wieder einen Stich der Faszination. So viele Menschen! So viele Schicksale! So viele Ideen, Versuche, Siege und Niederlagen – alles konzentriert auf engstem Raum.
Ungeordnet
Erinnert Ihr Euch noch an die Zeit der Seuche, als wir auf einmal in die Armbeuge scheißen sollten?
Da war unser Gedächtnis noch besser!
Dies ist ein bauchfreier Bahnhof
Streicheleinheit in der Geilstreitkraft