2026-07-20: Berlin Story Bunker

Nacht

Eher unruhige Nacht. Die Matratze hat schon bessere Tage gesehen, ich kann aber trotzdem einigermaßen liegen.

Träume bunt und wirr. Einmal bin ich auf der Arbeit im alten Dienstgebäude, da steht plötzlich eine riesige Menschenmenge vor meiner Bibliothek. „Na, was wollt Ihr denn hier?“ rufe ich fröhlich und die Menge zerstreut sich höflich. Dann muss ich über einen Flur und überall liegen Scherben. Ich bin aber barfuß unterwegs. Zum Glück passiert nichts.

Morgen

Ich wache ab vier Uhr morgens immer wieder auf, bleibe bis kurz vor sechs Uhr aber liegen. Bin einigermaßen erholt. Espresso aus der Reise-Bialetti. Frühstück gibt es hier montags ab sieben Uhr, den Rest der Arbeitswoche ab sechs. Man will wohl entspannt in die neue Woche starten, was ich gut verstehen kann.

Geburtstagshunger. Die ersten Glückwünsche treffen ein. Von Stauffenberg hat vor 82 Jahren versagt, aber vor 52 Jahren bin dann ich auf die Welt geflutscht. Das hätte ja wohl auch niemand für möglich gehalten!

Schuhe

Auf meinen Reisen trage ich ja meist meine Wanderschuhe von Bär. Da diese wegen ihrer Schnürung jedoch recht mühsam anzuziehen sind, habe ich mir noch meine (eigentlich nicht so gut passenden) Schlüpfschuhe eingepackt. Die kann ich dann zum Beispiel um die schrundigen Zehen schlupfen, wenn ich zum Frühstück runter gehe.

Mir fällt erst unterwegs auf, dass ich sie noch an den Füßen trage, da ist es für einen Wechsel aber schon zu spät. Dennoch leisten die Schuhe den Tag über ihre Arbeit, nur gegen Ende meiner Tour spüre ich doch, dass das Gehen in ihnen relativ anstrengend ist.

Kaffeegunst

Bevor der Berlin Story Bunker aufmacht, trinke ich gegenüber noch eine Tasse Kaffee. Beziehungsweise trinke ich zwei Tassen, weil die unglaublich nette Barista mir eine zweite Tasse bringt, da „der Kaffee so langsam durchläuft, dass der erste vielleicht komisch schmeckt“. Ich gerate ins Schwärmen, was nicht nur am Kaffee liegt.

Geburtstagsgrüße trudeln ein.

Berlin Story Bunker

Kurator Wieland Giebel macht die Schranke hoch und ich komme pünktlich um zehn Uhr rein. Im Eintrittspreis ist ein Audioguide enthalten. Fotografieren ist nicht erlaubt.

Nun führt einen die Ausstellung chronologisch vom Kaiserreich an durch die Geschichte, immer geführt von der Frage „Hitler — wie konnte es geschehen?“. Hitlers Werdegang nimmt hierbei viel Raum ein. Auch wenn ich nicht ganz die Zielgruppe der Ausstellung bin (dazu beschäftige ich mich schon zu lange mit dem Thema), finde ich doch an vielen Stellen Dinge, die mir neu sind und über die sich nachzudenken lohnt. Was war das mit dieser Schwärmerei, zu der Hitler schon in seiner Jugend geneigt hat? Oder seine stundenlangen Monologe? Hat es mit seiner Mutter zu tun, die er abgöttisch geliebt hat? Wie war es eigentlich mit seinem Antisemitismus? Mir scheint es, als habe sich Hitler nach und nach selber radikalisiert, sich in den Holocaust hineingelabert. Ich kenne das von Menschen in narzisstischen Nöten, die ja auch immer das Reden, was andere (ihrer Meinung nach) hören wollen, aber auch immer das glaube, was sie selber reden.

Besonders toll finde ich, dass der Audioguide vom Kurator selber eingesprochen wurde. Damit bekommt das alles eine viel persönlichere Note. Mir zeigt jemand die Ausstellung, die er selbst kuratiert! Es fließen auch immer wieder persönliche Geschichten ein.

Der Bunker selbst steuert viel Atmosphäre bei. Ein Stockwerk ist noch im Urzustand belassen und ich kann es hier kaum aushalten. Es ist kaum vorstellbar, dass ich hier in den letzten Kriegstagen 12.000 Menschen (!) ohne Essen, Wasser und Luftzufuhr ausgeharrt haben, während draußen die Schlacht um Berlin tobte. Die rote Armee hat dann irgendwann den Bunker unter Wasser gesetzt und die Menschen sind über einen Tunnel und die U-Bahn zum Anhalter Bahnhof evakuiert worden. Die Umrisse von Metallgegenständen, die im Wasser zu Boden gesunken waren, kann man noch heute sehen.

Es sind eine Menge Besucher da, die sich zum Glück einigermaßen in den Gängen verteilen. Das Publikum ist bunt gemischt, man hört alle möglichen Sprachen.

Nach der Ausstellung besuche ich das Ukraine-Museum im Untergeschoss. Eigentlich bin ich ja extra wegen dieser Ausstellung hierher gekommen. Es wäre klüger gewesen, mir das Ukraine-Museum vor der Dauerausstellung anzusehen, denn ich bin ganz schön durch, fühle mich vergilbt. Trotzdem beeindruckt mich auch diese Ausstellung. Man kann sich die Drohnen, die man aus den Nachrichten kennt, hier in echt anschauen. Es handelt sich hauptsächlich um authentische Exponate. Ich bin fasziniert, wie sehr einige davon improvisiert sind. Einmal sehe ich mich selbst auf meinem Monitor. Gefilmt werde ich von der FPV-Drohne an der Decke. Sie trägt die Attrappe einer Granate. Im Ernstfall wäre ich jetzt tot.

Die Brutalität der russischen Armee, die gezielte Jagd auf Zivilisten macht mich sehr wütend. Der Anblick einer Kinder-Schaufensterpuppe mit Schutzweste treibt mir Tränen in die Augen. Das Team des Berlin Story Bunker sammelt Geld für solche Schutzausrüstungen für Kinder. Ich habe auch schon Geld gespendet und werde das immer wieder tun.

Das Museum bezieht klar Stellung. Ein wenig verstört mich die Verachtung, welche deutschen Politikerinnen und Politikern wie Christine Lambrecht (ehem. Verteidigungsministerin) und Christian Lindner (Egomane) zum Ausdruck bringt. Man nimmt hier einseitig die Position des ehem. ukrainischen Botschafters Melnyk ein, gibt dessen Schilderung des Gesprächs mit dem Finanzminister Linder Raum ohne jegliche kritische Einordnung. Es gibt ja auch reichlich Stimmen, welche von einem anderen Gesprächsverlauf berichten. Auch wenn jeder Mensch mit einem Herz sich in diesem Konflikt auf die Seite der ukrainischen Bevölkerung stellen muss, sollte man sich doch bemühen, bei der Wahrheit zu bleiben.

Alles in allem hat sich der Besuch trotz dieses leichten bitteren Nachgeschmacks sehr gelohnt. Man macht hier eine tolle Arbeit!

Indisch essen ohne Karl

Nach dem Museumsbesuch ist mein Kopf voll und mein Magen ist leer. Funny van Dannen summend laufe ich zum vorher ausgespähten indischen Restaurant in der Nähe des Bunkers. Hier esse ich die von mir sehr geliebten Zwiebelküchlein und eine Brutschelpfanne mit Hähnchen. Alles sehr schmackhaft.

Tempfelhofer Feld, Neukölln

Zwischendurch bekomme ich immer wieder Geburtstagsanrufe. Die nehme ich durch die Stadt laufend entgegen. Ich lasse mich treiben. Das Stadtzentrum von Berlin habe ich nun schon oft genug gesehen, also wende ich mich nach Süden. An das Tempelhofer Feld knüpfe ich Erinnerungen und als ich auf dieser eigenartigen Ebene mitten in der Großstadt stehe, bemerke ich wieder einmal, dass ich ein anderer geworden bin. Dieser Moment ist schön und lässt sich nicht mehr vergiften. Ich esse Oblaten. Das sind große Runde Kekse mit Cremefüllung. Auch die konnte man mir nicht vergällen.

Eine gewisse Rastlosigkeit bemächtigt sich meiner. Vom Tempelhofer Feld aus marschiere ich quer durch Neukölln (wenn ich das richtig mitbekomme) in Richtung S-Bahn. Ich merke nun doch, dass ich heute die falschen Schuhe an habe, denn die Schritte werden langsam schmerzvoller. Ein telefonisches Geburtstagsständchen von der besten Ex-Frau von allen und dem Thronfolger geben mir Kraft. Ich fließe durch die Stadt. Schritt für Schritt durchs Gewerbegebiet.

An der Station “Köllnische Heide“ steige ich in die S-Bahn ein, in Grünau steige ich um.

In Königs Wusterhausen wanke ich noch kurz in den Rossmann und kaufe Duschgel, denn im Hotel gibt es nur diese kleinen Minifläschchen mit dem duftigen Seifensschleim.

Abend

Im Hotel ist dann schon Abend. Nach der Dusche lese ich noch “Die Evolution der Gewalt“ zu Ende und schließe die Augen.

Der Geburtstag ist hiermit beendet.

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