Nacht
Sehr, sehr unruhige Nacht. Unerotisches Aufstoßen bleibt zum Glück unbemerkt von anderen, denn ich bin ja alleine.
Traum von der Bundespolizei
Mir träumt ich bin Bundespolizist und wir sind kurz vor dem Zugriff. Der Einsatz wird zusätzlich dadurch erschwert, dass wir gleichzeitig einen Krimi drehen. Ein Kollege kennt einen Trick, wie man sich cool über einen Zug abrollen kann und will ihn unbedingt zeigen. Ich habe Sorge vor einem Stromschlag durch die Oberleitungen.
Mit einem anderen Kollegen rücke ich deswegen schon mal vor und dann stehen wir in der Kommandozentrale. Ich verspüre den Wunsch, der Lieblingskollegin eine Nachricht zu schreiben, aber ich muss bewegungslos und repräsentativ dastehen.
Morgen
Um halb fünf Uhr ist die Nacht vorüber. Die Waage zeigt einen dreistelligen Phantasiewert. Ich fühle mich auch so, als habe man mir Wackersteine in den Bauch gelegt. Kraftfutter mit Restbanane. Weiter Aufstoßen. Da die Straßenbahn so seltsam fährt, werde ich mit dem Gepäck wohl zu Fuß zum Bahnhof müssen.
Durchblick dank Achtsamkeit
Wenn es mit dem Bloggen mal nicht so läuft, könnte ich Achtsamkeitsratgeber schreiben! Da ich nämlich noch einen ganzen Haufen Zeit bis zur Abfahrt meines ICEs habe, meditiere ich schon mal eine Runde. Ich kann den unruhigen Geist wahrnehmen und ihn in Ruhe lassen. Gemeinsam atmen wir.
Dann kommt mir eine Idee und schnüre schon mal meine Schuhe. Wenn ich schon zu einer solch frühen Zeit und die Gegend hüpfe und gleichzeitig durch Umbuchung und Verlust der Reservierung aus der Zugbindung falle, kann ich auch einen ICE früher nach Spandau nehmen!
Nicht einmal eine Stunde später sitze ich am Hauptbahnhof und neben mir dampft ein Becher Kaffee. Die Sonne geht auf. Ich bin gespannt, was als nächstes passiert. Vor ungefähr 20 Jahren wäre die passende Erwiderung auf meine Gespanntheit ein “Na, was soll schon passieren? Der Zug kommt!“ gewesen, aber die Zeiten haben sich geändert.
Der Filterkaffee von “Le Crobaq“ schmeckt mild und nussig. Hätte ich nicht so erwartet.
Fahrt nach Berlin
Im ICE werde ich freundlich ermahnt, zukünftig doch trotz Aufhebung der Zugbindung den geplanten Zug zu nehmen. Ich lächle freundlich.
Der Servicemann berlinert mir eine Tasse Kaffee an den Platz. BahnBonus-Upgrade auf die erste Klasse macht es möglich! Bin ja sonst kein Punktesammler, aber für solche Leckerli melde selbst ich mal irgendwo an.
Während die Felder Westfalens an mir vorüberziehen, bleibt der Zug angenehm leer. So kann ich es aushalten.
In Hannover fleckt der Regen die Scheiben. Ein ungewohnter Anblick.
Kurz vor Spandau fällt mir ein, dass ich ja hier raus muss und nicht erst am Hauptbahnhof. Überhasteter Ausstieg. Am Bahnsteig kickt dann der Neuro. Verlustangst. Ist aber alles noch da. Oder nicht? Doch, doch! Wirklich? Doch! Doch! Doch! Es dauert ein gewisses Gehüpfe bis ich mich wieder beruhigt habe.
Spandau ist fast so, wie es aus den Umstiegen damals, in der guten Zeit, der alten Zeit, der schlimmen Zeit, kenne. Nur der Bratwurstbräter ist einem Subway gewichen. Ist auch weniger ungesund. Beim Bräter hockte ich einst während meiner Umstiege und zog ein Beck´s vom Fass nach dem anderen.
Von Spandau aus nach Königs Wusterhausen braucht es doch eine gute Stunde. Auf meiner Fahrt im RE durch die Metropole sehe ich weder brennende Ölfässer noch gekreuzigte Menschen. Ich muss wohl im falschen Berlin gelandet sein.
Apropos Berlin: Meine Reiselektüre ist das in den letzten Tagen stark vernachlässigte Buch “Die Evolution der Gewalt“. Es bereitet mir doch einige Aha-Momente.
Hotel in KW
In Königs Wusterhausen (oder “KW“ wie wir Kenner sagen) erlebe ich eine Zeitreise in die 80er Jahre. Alles so furniert hier! Im Nachttisch ist sogar eine Art Radio verbaut. Ich vermute, man kann damit außerirdische Botschaften empfangen. Mit dem Funk hat man es ja hier (in KW gab es den ersten privaten Rundfunksender in Deutschland). Sehr familiäre Atmosphäre. Das gefällt mir.
In KW hat sich in den letzten Jahren viel verändert und dann auch wieder nicht. Waren damals schon so viele Radwandernde auf Tour? Ich denke nicht. Auch am Bahnhof ist eine Menge los. Man sieht viele große Rucksäcke und Rollkoffer. Wanderrouten starten hier. Das alles scheint dem Städtchen gut zu tun.
Rundgang und Wildau
Ich drehe eine Runde in KW. Erinnerungen steigen auf wie Seifenblasen. In dem kleinen Kino habe ich damals “Er ist wieder da!“ gesehen. Da war ich viehisch besoffen, was dem Film aber durchaus angemessen war. Hier am Kanal … aber darüber darf ich hier nicht schreiben.
Ich finde sogar noch den Weg nach Wildau zur TH.
Unterwegs kommt mir die Frage in den Sinn, warum ich überhaupt hier hingefahren bin? Ich übernachte sogar hier in KW! Will ich mal auf den Schmerzpunkt drücken, so wie man eine heilende Wunde nicht in Ruhe lassen kann? Oder ist es etwas anderes?
Auf halben Weg nach Wildau fällt mir auf, dass ich mich gerade wie der Tourist fühle, der ich ja auch wirklich bin. Ich bin ein Tourist in Brandenburg und auch ein Tourist in meiner eigenen Vergangenheit. Natürlich berührt es mich, dass vor ungefähr zehn Jahren hier mein Leben zerbröselt ist (alles andere wäre auch bedenklich) – aber ich vergehe auch nicht vor Kummer und Melancholie. Ich denke an die Gefühle von damals. Sie haben mich vollkommen überwältigt in ihrer Intensität und Widersprüchlichkeit: Da waren Angst, Wut, Glück, Euphorie, Erschöpfung und eine ganze Menge Überforderung. Jetzt ist da nur noch Erinnerung, ein neues Leben und – tja – ich. Da bin ich.
Niemand sonst.
Die TH Wildau empfängt mich mit dem Rot der Backsteine. Die Lokomotive ist noch immer nicht weggefahren. Mir fällt erst recht auf, wie cool das hier alles ist: Die alte Lokomotiv-Fabrik und die hochmoderne Technische Hochschule. Schade, dass es die alte “DDR-Kantine“, eine öffentliche Mittagskantine, nicht mehr gibt. “Das ist ja wie früher!“ hauchte damals eine Kommilitonin, die den real existierenden Sozialmus noch selber miterlebt hatte.
Nebenbei: Kann man “real existierender Sozialismus“ eigentlich auch ohne Ironie aussprechen?
Neben der TH ist in einem der alten Fabrikgebäude ein Café untergebracht (“Café 21“). Sehr gemütlich. Das gab es damals noch nicht. Hier mache ich eine Kaffeepause.
Der Märkische Sand
Nach dem Kaffee im Lokschuppen gehe ich die große Treppe am Ende des Campus hoch. Von hier aus konnte man immer sehr schön über das Gelände gucken. Doch jetzt, 10 Jahre später, ist die Sicht verwachsen. Die Bäume und Büsche verdecken alles, was früher zu sehen war. Das finde ich gut: Das Leben geht weiter und man muss auch mal nach vorne sehen, anstatt in die Vergangenheit zu starren.
Das Schwimmbad in Wildau heißt noch immer „Wilderado“. Das Klingeln in der Wortspielkasse klingt vertraut.
Zwischenzeitlich muss ich zwar immer wieder an so irre Sachen denken, mit denen ich damals konfrontiert war. Menschen in narzisstischen Nöten tun mitunter verrückte Dinge, aber damals wusste ich das noch nicht. Doch es überwiegt langsam eine gewisse Urlaubsstimmung. Das liegt vielleicht am märkischen Sand.
Der Jugoslawe ist jetzt ein Vietnamese und er verkauft Sushi. Das bringt mich zum Lächeln.
Da die Wetter-App Regen und Gewitter ankündigt, laufe ich zügig zurück nach Königs Wusterhausen.
Hotelabend
Die 80er Jahre rufen an und wollen ihr Furnier zurück. Es gibt sogar ein Neues Testament.
Draußen bellt ein Hund. Nach einer Dusche lese ich in ein wenig, bis mir die Augen zufallen.
Spahn vs. Realität
Hier geschieht ja wenig Politik. Dennoch will ich mich mal hier zur Causa Spahn äußern. Der Thronfolger hat mir letztens (noch vor dem Rücktritt des Unsymphaten) noch erzählt, wie sehr er sich Sorgen macht, dass Spahn bei einem Sturz von Merz in den Startlöchern sitzen würde, um dann mit der AfD zu koalieren und Peter Thiels Wahnphantasien in die Wirklichkeit umzusetzen. Bei einem Egomanen wie Spahn ist die Nähe zu der “Wir machen Menschen zu Biodiesel“-Fraktion der Broligarchie nicht gerade verwunderlich: Er hält sich ja selber für einen Übermenschen und aus denen macht man ja keinen Treibstoff. Sie selber stehen an der Rampe und entscheiden, wer leben darf und wer sterben soll.
Ich habe ja keine Kenntnisse über die innere Tektonik der CDU, aber ich kann mir gut vorstellen, dass die konservativen Krusten in ihr nur auf eine Gelegenheit gewartet haben, Spahn endlich aus dem Weg zu räumen. Die mögen die Tec-Oligarchen nämlich genau so wenig wie alle anderen (wer mag die eigentlich?). Dass es ausgerechnet so ein Quark wie eine Leihmutterschaft (mal ehrlich: Nach über 2 Milliarden Euro versickertem Maskengeld?) ist, auf dem Jensi ausgerutscht ist, erscheint mir als Pointe ungeeignet. Konservative hassen die Vorstellung, dass ein schwules Paar ein Kind aufziehen kann. Für sie ist an der Leihmutterschaft in diesem Fall wirklich alles Erdenkliche falsch. Letztendlich kein Wunder, dass sich die Landfrauen-CDU in dieser Sache versammeln konnte.
Warum ist er also in diese Falle getappt? Ganz einfach: Menschen in narzisstischen Nöten tappen immer in die Falle der eigenen Großartigkeit. Sie sind qua ihrer Persönlichkeit überhaupt nicht in der Lage, die Löcher zu sehen, welche sie sich selber buddeln. “Mir kann doch nichts passieren! Ich bin doch ICH!“ sagen sie sich und anderen. Das ist auch der Grund, warum Thiel, Musk und Co. diesen “Jeder-frisst-jeden“-Kapitalismus so toll finden: Sie können sich schlichtweg nicht vorstellen, dass ihnen nicht auch jemand einfach mal eine Kugel in den Kopf jagen könnte. Sie halten sich für unverwundbar, unbesiegbar.
Letztendlich fallen sie dann am Ende immer über sich selbst.
Da ich Jens Spahn für einen untoten Wiedergänger halte, wird die Ruhe nicht lange währen.
Sprudellyrik

Ich traf sie einst zu Schwollen,
wo Wässer aus dem Boden quollen.