2026-10-24: Samstag
Worpswede
Nacht
Recht guter Schlaf für eine Hotelnacht, wenn auch ziemlich gestückelt. Ohrenstöpsel bleiben teilweise drin, drücken aber. Es sind neue Stöpsel und es kann gut sein, dass die Nupsis zu groß sind. Ich muss die daheim noch mal tauschen.
Träume sehr wirr. Mir träumt unter anderem, dass der Thronfolger (noch klein) in die Schule muss, weil die Sommerferien zu Ende gegangen sind. Er meint aber, es seien schon Herbstferien. Aufregung, weil noch ein Buch beim Buchlehrer abgeholt werden muss. Wir beide rennen durch eine Stadt. Doch die beste Ex-Frau von allen nimmt mir den Mental Load ab und kümmert es. Sie bestellt das Buch und meldet den Thronfolger für den ersten Tag ab.
Morgen
Ich schlafe bis fast halb sieben Uhr. So müde muss ich wohl gewesen sein! Hunger und Kaffeedurst lassen mich zeitig zum Frühstück runter gehen. Hier blogge ich ein wenig.
Der Frühstücksraum ist ziemlich gut gefüllt. Eine Gruppe junger Männer verzehrt glücklich schwatzend einen Haufen Brötchen.
Ich gehe noch in einen nahen Supermarkt, denn traditionell habe ich natürlich vergessen, Zahnpasta einzupacken. Ich kaufe auch noch in paar Flaschen Mineralwasser.
In der Lobby sitzen die jungen Männer von vorhin und trinken gut gelaut das erste Bier des Tages.
Pin-Code-Türklinke
Im Himmer organisiere ich mich kurz und gehe dann zum Hauptbahnhof, denn der Thronfolger und ich wollen uns hier treffen. Ich setze mich ins "Espresso House" und trinke einen Kaffee. Ich fühle mich hier recht wohl. Vielleicht wäre dieses Café ja auch eine Alternative zum Hotelfrühstück an Abreisetagen? Die öffnen hier schon um 6:30 Uhr. Ob man auch beim Hotel einen Tag mit und einen Tag ohne Frühstück buchen kann?
Ich brauche mir nicht viel Zeit mit dem mitgebrachten Manga-Band zu vertreiben denn schon bald trifft der Thronfolger ein. Bevor wir zum geplanten Ausflug nach Worpswede aufbrechen will ich noch schnell zur Toilette, denn es steht uns eine einstündige Busfahrt bevor.
Im Espresso House muss man eine Toiletten-PIN erfragen, bevor man die keramische Abteilung aufsuchen darf. So steht es auf der Tür und wer bin ich, mich einer solchen Anweisung zu widersetzen? An der Theke wird mir die dreistellige Nummer genannt. An der Tür finde ich jedoch kein Eingabe-Panel und komme mir selten dämlich vor. Ich bin hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Rückzug und dem inneren Kritiker, der mich beschimpft, damit ich noch mal an der Theke nachfrage. Dann aber entdecke ich kleine Knöppe auf der Türklinke. Hier kann ich den Code eingeben, welcher die Klinke zwar "Brrrrt" machen lässt, die Tür aber nicht öffnet. Ist die Tür vielleicht kaputt? Es gibt neben der PIN-Information noch zweites Schild auf der Tür, welches besagt, dass bei "rot" besetzt sei. Dummerweise kann ich die Farbe des Streifens unterhalb der Türklinge nicht erkennen. Der Streifen ist schmal und es ich hier recht dunkel und ich bin farbfehlsichtig. Ich probiere es noch einmal und ziehe mich dann zurück.
Brezelgestank
Mit dem Thronfolger laufe ich zum Bahnhof. Ich will hier aufs Klo, bevor zum Bus gehen. Zeit ist noch genug. Wir unterhalten uns angeregt, bis der Thronfolger auf einmal sein Gesicht verzieht. Er macht Ekelgeräusche und ich bemerke jetzt die Ursache dafür: Ein extremer Geruch nach Brot haut uns beiden in die Fresse. Der Geruch ist dermaßen stark, dass man sogar von Gestank sprechen kann. Komischerweise verringert er sich nicht, als wir weiter gehen - aus einer der Backwarenverkaufsstellen im Bahnhof kann er also nicht stammen. Es stellt sich heraus, dass vor uns ein junger Mann und eine junge Frau laufen. Er trägt eine große IKEA-Tüte, die bis oben hin mit Brezeln gefüllt ist. Die Frau trägt einen verschlossenen Eimer, wie sie Senf, Mayonnaise usw. verwendet werden. Sicher bringen die beiden die Sachen zu einem Stand auf dem Freimarkt. Wir wundern uns, wie intensiv so ein Geruch werden kann, dass er uns mit Ekel erfüllt.
Nach Worpswede!
Die Busfahrt füllen wir mit Gesprächen. Ich bin glücklich, wieder Zeit mit meinem Sohn verbringen zu können. Worpswede empfängt uns mit Nieselregen. "Niedersachsen-Wetter" nennt das der Thronfolger und ich fühle mich an das Lied "Niedersachsen" von Horst Evers erinnert.
Zeichen des Wandels
Wir stolpern in die Open-Air-Ausstellung "Zeichen des Wandels", für die alleine sich die Anreise schon gelohnt hat. Es gibt großartige Fotos zu sehen, die Hoffnung machen (Solarkioske in Ghana, Nebelfänger in Peru), aber auch Angst machen und uns am Menschen verzweifeln lassen (z. B. Black Summer, Gletscherschwund).
Große Kunstschau
Weiter geht es in die Große Kunstschau. Hier sehen wir uns die Ausstellung "Impuls Paula. Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker. Hier werden moderne Kunstwerke dem Werk von Modersohn-Becker gegenüber gestellt. Die Ausstellung regt uns sehr an. Ich hätte mir dann aber doch mehr als ein Austellungsstück von Modersohn-Becker gewünscht, weil mir als Nicht-Kunstkenner die Einordnung dann leichter gefallen wäre. Die Exponate um das Bild "Halbakt einer sitzenden Bäuerin" finde ich besonders beeindruckend. Es geht um den Blick auf den Menschen, um Voyeurismus, um Male Gaze, aber auch um Empathie.
Vor einer Arbeit des Worpsweder Künstlers Heini Linkshänder kriege ich mich kaum noch ein vor Lachen: Auf ein paar kleinen, roten Stoffkissen ist ein fast ebenso großer, schwarzer Stempel geddrückt mit dem Text: "Bitte nicht in die roten Kissen weinen".
Mittagessen
Nach der Kunst kommt der Magen. Im Dorfcafé Worpswede essen wir Lavash-Brot mit Sucuk und Käse. Alles liebevoll angerichtet und preislich noch im Rahmen. Im ziemlich galerielastigen Worpswede sind die Preise sonst natürlich nicht nur gesalzen.
Ich hätte bei meinem momentan Hunger (nicht nur Appetit) auch beim Griechen "umme Ecke" einen Grillteller verdrücken können, aber die Portion Lavash macht mich trotzdem satt. Ich empfinde das Essen trotz türkischer Wurst und Käse als eher leicht.
Niedersachsenstein, MACKENSEN
Nun schlendern wir durch den Niesel, zu dem sich noch ein scharfer Wind gesellt. Der Niedersachsenstein verhüllt sich schamhaft vor uns. Dessen Architekt Bernhard Hoetger mit seinem seltsamen nordischen Eso-Geschwiemel begleitet uns irgendwie den ganzen Tag lang, da er ja auch Worpswede gelebt und gewirkt hat.
Wir finden auch die MACKENSEN-Eiche und wir finden, dass man den Namen MACKENSEN immer nur groß schreiben sollte, weil er wie ein SS-Offizier aus einem amerikanischen Kriegsfilm klingt ("MACKENSEN!" - "Zu Befehl!"). Dazu passt, dass der Künstler Otto Mackensen - natürlich auch Teil der Worpswede-Truppe und ein wichtiger Lehrer von Paula Modersohn-Becker - am Ende seines Lebens derart scharf rechts abgebogen ist, dass es einen schon wundert.
"Spaziergang" nach Bremen
Wir lassen uns noch ein wenig treiben. Worpswede ist auf eine angenehme Art und Weise lauschig gediegen. Über allem hängt die in Backstein eingemauerte Moorbauern-Tradition.
Wir laufen zu Fuß nach Bremen. Der Thronfolger ist guter Dinge, ich möchte lieber in der Nähe der Buslinie bleiben, weil ich nicht weiß, ob die weltliche Auswölbung meiner Person den ganzen Weg schafft. Allerdings ist hier die Landschaft angenehm flach und irgendwann verziehen sich die Wolken. Im Schein der Abendsonne laufen wir durch eine herrliche niedersächsische Landschaft. So geht es also auch!
Irgendwann beginnen unterer Rücken und die Fußgelenke zu zwicken und ich nehme dann doch eine Ibu ein. Es geht aber munter weiter. Die Gespräche lassen Zeit und Raum verfliegen. Es gibt am Wegesrand immer etwas zu entdecken und zu bequatschen.
Dann geht die Sonne unter die Stadt empfängt uns.
Rekord!
Am Freimarkt gehen wir dank eines breiten Sicherungsweges gemütlich-zauberhaft seitlich dran vorbei.
Kurz vor dem Hotel fällt mir auf, dass mir zu einem neuen persönlichen Rekord nur wenige hundert Schritte fehlen. Trotz deutlicher Schmerzen machen wir noch eine Runde um den Block. Es mag so kindisch klingen wie es auch ist, aber ich kann der Versuchung nicht widerstehen.
Am Ende stehen 46.653 Schritte auf der Uhr und so viele habe ich seit dem Beginn der Aufzeichnungen noch nie gemacht. Der Thronfolger und ich liegen uns zum Abschied lange in den Armen, was zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass der junge Mann seinen alten Herren doch ein wenig stützen muss.
Aufs Hotelzimmer und ins Bett schafft es Opa dann aber doch alleine.
Es folgt nur noch der Triathlon "Dusche, Schlafanzug, Bett".