2026-09-19: Samstag
Irland 1
Nacht
Dafür, dass ich eine Flugreise vor der Brust habe, schlafe ich recht anständig.
Traum vom ewigen Krieg
Mir träumt, ich müsste an einem Krieg teilnehmen, der ewig währt. Jeden Tag versammeln wir uns zum Frühstück und ziehen dann in den Kampf. Alles ist so sehr eingespielt, dass die Positionen eines jeden Kämpfers auf dem Schlachtfeld schon fest verteilt und am Boden markiert sind.
Doch es fällt auf, dass die Frühstücksrunde nach und nach immer kleiner wird. Wie lange wird das alles noch so weitergehen? Endet der Krieg erst, wenn wir alle tot sind? Doch noch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, müssen wir schon wieder los.
Mein Platz ist neben dem eines Kriegers mit Namen "Kapitän Tarzan Boy". Der Mann sieht auf wie "Captain Jack "Wikipedia-Eintrag "Captain Jack"")" und er grüßt mich freundlich.
Flug nach Dublin
Im RE zum Flughafen steigt die Aufregung. Ich trinke eine Mio Mio Mate Zero.
Treffen mit Freund AS. Eigentlich haben wir reichlich Zeit (ca. 2 Stunden), aber da wir ja jetzt das Gepäck aufgeben müssen, wird es doch ein ganz klein wenig knapp. Vor der Passkontrolle gibt es eine lange Schlange. Früher konnte man als EU-Bürger ja überheblich lächelnd an den Engländern vorbei seinen Perso auf den Scanner legen und schnell weiter gehen, aber jetzt muss man sich auch noch von einer Maschine das Gesicht begucken lassen. Es sind auch viele Menschen mit türkischen Pässen unter uns. Vielleicht gibt es da ein besonderes Abkommen? Die automatisierte Passkontrolle funktioniert jedoch nicht mit jedem Pass, weswegen ältere Damen in andere Warteschlangen bugsiert werden müssen.
Eine Dame mit Kopftuch hat sichtlich Zeitnot. Sie spricht nur gebrochen Englisch und wird von uns allen vorgelassen. An der Sicherheitskontrolle trifft sie auf einen freundlichen jungen Mann. Beide sprechen arabisch miteinander. Sie ist beruhigt und wird weiter durchgeschleust, damit sie ihren Flug noch bekommt. Ihre Erleichterung strahlt auf alle Umstehenden ab.
Die Sicherheitskontrolle vor Flügen empfinde ich jedes Mal als totalen Kontrollverlust unter Zeitdruck. Immerhin muss man jetzt nicht mehr alle Geräte und Flüssigkeiten (so man denn welche im Handgepäck hat) in die Schale packen. Die neuen Scanner können das. Meine Tasche muss aber natürlich trotzdem mit diesen Sprengstoffschnuffeltüchern betupft werden. Ich vermute, weil im Magic Keyboard Metallplatten (als Gewicht) drin sind, durch welche Herr Röntgen nicht durchgucken kann.
Wir schaffen es rechtzeitig zum Gate.
Kein Witz: Beim Start und bei der Landung bete ich jedes Mal ein Vaterunser.
Ich bekomme einen Fensterplatz und schalte direkt in den Kindermodus ("Ich sitze in einem FLUGZEUG!!!!"). Beim Start erhasche ich noch einen Blick auf Duisburg, dann flitzen wir schon über die Niederlande hinweg. Wenn ich nach unten schaue, erinnert mich das an die Satellitenbilder, vor denen Sven Plöger immer seine Turnübungen macht.
Dann wird mir langweilig.
Ankunft
Die Bedien-Oberfläche des Passkontrollautomats ist komplett auf gälisch, was bei ausländischen Besuchern der grünen Insel auf ein gewisses, buchstäblich zu verstehendes, Unverständnis trifft.
Freund CP sammelt uns am Gepäckkarrussel ein. Es fällt mir nicht leicht, mich für einen neuen Koffer zu entscheiden, bin aber ziemlich aufgeregt, weil ich ja nicht weiß, womit er gepackt sein wird. Nun habe ich außerdem ständig Terry Jones selig im Kopf:
And I'm worried about the baggage retrieval system they've got at Heathrow")
Bus 41 zum Hotel. Wir kommen am Kreisverkehr der Hölle (der mit der Nadel) vorbei, wo ich vor mehr als 20 Jahren final mit der Idee des Linksverkehrs abgeschlossen habe und beinahe einfach angehalten, ausgestiegen und zu Fuß den Leihwagen, die Familie und mein bisheriges Leben hinter mich gelassen hätte.
Cobblestone, Guinness-Werkstor
Wir tigern durch die Stadt. Es ist voll und laut. Mein Geist ist noch nicht angekommen.
Guinness 0,0% vom Fass im "Cobblestone". Eine kleine, rundversammelte Gruppe spielt händisch irische Folklore. Das alkoholfreie Bier wirkt auch ohne Nervengift bei mir. Ich nehme an, das Gehirn ist entsprechend konditioniert, beim Geschmack von Guinness "Ah! Bier! Jetzt entspannen!" zu denken.
Spaziergang zum Werkstor der Guinness-Brauerei. Es ist eine alte Tradition der Irland-Fahrer, hier einmal vorbei zu schauen. Doch das schöne Tor steht offen und lenkt den Blick auf einen touristischen Biergarten. Der Zauber der alten Zeit vergeht mehr und mehr.
Mulligan's
Das Mulligan's muss von den Irlandfahrern auch immer besucht werden. Hier fühle ich mich gemütlich und ich kann die Leute begucken. Vor ein paar Jahren stand ich hier noch eingeschüchtert an der Theke und war heilfroh, unfallfrei drei Guinness (damals noch "mit") bestellen und bezahlen zu können. Heute bin ich alt und nüchtern und man zahlt mit Karte. Übrigens hält man hier überall nonchalant das Smartphone an die Piepskästchen, weil man ja jede Runde direkt bezahlt. Schon immer fand ich die Direktzahlung dem "Deckel" überlegen und auch jetzt mag ich die Vorstellung, einfach losgehen zu können, ohne auf die Kassiergnade eines Kellner hoffen zu müssen.
Mein Gehirn kommt in Irland an. Allerdings geht mir jetzt auch der Lärmpegel mehr und mehr auf die Nerven, weil mir der beruhigende Teppich des Alkohols fehlt.
Bus
Wir fahren mit dem Bus zurück zum Hotel. Abendstimmung in rosa. Das rosa Licht hier ist eine kalorienfreie Spezialität von Dublin. Die Meeresluft und die Strömungen sowie die Polarität der Erdstrahlen (oder so ähnlich) färben die Sonnenstrahlen gar wundervoll ein.
Im Bus neben mir sitzt eine junge Frau. Als meine Begleiter und ich etwas bequaken, fragt sie uns auf deutsch, ob wir Deutsche sind. Als wir ihre Frage bejahen, freut sie sich. Sie findet es regelrecht gut, dass wir Deutschen auf deutsch sprechen (übrigens so leise, wie es unter uns dreien üblich ist) und sie das verstehen kann. Ihr Deutsch hat einen starken Akzent, ist aber sonst sehr gut. Während ich in meinem Notizbuch meine Eindrücke festhalte, holt sie ein Heftchen aus ihrem Rucksack und schreibt dort trotz Straßenrüttlern sehr fein und sorgfältig Dinge hinein.
Zimmereien
Es gab ein Gewurschtel mit den Zimmerbuchungen. Dazu kommt, dass aufgrund irgendeiner seltsame Traditionen unserer Ahnen der AS und ich uns immer ein Zimmer teilen. Wir beide verstehen uns prima und stören uns nicht gegenseitig (außerdem sind wir schon seit mittleren Schulzeiten eng befreundet), allerdings haben wir diametral unterschiedliche Wach- und Schlafphasen: Ich bin Frühaufsteher und Früh-Frühstücker, AS bleibt halt gerne länger liegen und eine Morgenmahlzeit wäre für ihn die reinste Folter. Davor gehe ich mit den Hühnern zu Bett, während AS noch die Herrlichkeiten der späten Stunde erlebt.
Nun haben wir in unserem Zimmer ein Doppelbett wie für Verliebte und ein Bett daneben, welches aber nicht bezogen ist. Wir fahren runter zur Rezeption und mit der sprachkundigen Hilfe von Reiseleiter CP wird geklärt, dass man uns das Gästebettchen bezieht.
Die folgende soziale Situation ist mir außerordentlich unangenehm. Ich schaue nämlich einer Person bei der Arbeit zu. Man hat einen Fehler gemacht (bzw. etwas vergessen) und möchte diesen so schnell wie möglich beheben, auch wenn man damit die eigenen Routinen unterbrechen muss. Ich hingegen möchte nicht im Weg stehen und trotzdem die ganze Zeit das Gefühl vermitteln das ALLES ALLES IN BESTER ORDNUNG IST. Das fühlt sich für alle Beteiligten nicht gut an.
Die Servicekraft und ich gehen erleichtert auseinander.
Abend
Im Hotel gehen AS und CP noch etwas essen. Ich hingegen dusche mich und falle anschließend wie tot ins Bett.