2026-09-20: Sonntag
Irland 2
Nacht
Ich sacke als Erster in die Federn und bekomme kaum mit, als AS ebenfalls schlafen geht.
Für einen Hotelschlaf der ersten Nacht ist er tief und erholsam.
Mir träumt, dass AS mir dringend rät, dass ich für das Nachäffen osteuropäischer Akzente doch lieber eine Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten z. B. für Polnisch machen sollte. Ich bin fasziniert und plane meine Zukunft um.
Frühstück
Mich fasziniert die vollkommene Abwesenheit von Brot, Brötchen, Käse und dem, was wir in Deutschland "Aufschnitt" nennen. Dafür gibt es natürlich den unausweichlichen Weizentoast und eine großartige Auswahl an Gebratenem und Gesottenem. Ich mag beim irischen Frühstück ja besonders gerne diese billigen, fettigen Schweinewürstchen. Nur den Senf sollte der Franzose mal bitte über die irische See werfen.
Da ich wieder vergessen habe, dass der "Americano" ein "Verlängerter" ist, nehme ich erst einmal einen doppelten Espresso, der die Pumpe auf Trab bringt. Ich habe gestern keinen – keinen! – Kaffee getrunken.
An der Toastrampe steht eine ältere deutsche Dame. Sie tut zwei Scheiben Toast in die Maschine, wartet, bis diese durchgelaufen sind und legt dann die nächste Fuhre rein. Ich kann mich gerade noch selber daran hindern, nicht laut Sie haben wohl noch nie am Fließband gearbeitet, wie? zu rufen.
Altersverifikation
Vor dem täglichen Ausflug gehen wir in den nahen Tesco. Hier gibt es ein Regal extra für die trockenen Saufgetränke: Nur alkoholfreies Bier, alkoholfreien Cider, alkoholfreier Wein usw. Das finde ich toll und packe einen Viererkarton Pale Ale der schottischen Brauerei BrewDog in den Einkaufskorb.
An der Selbstscannerkasse entdecke ich die Supermarktvariante des Linksverkehrs: Hier muss man die Einkäufe rechts des Scanners deponieren und die gescannten Waren links davon auf die Waage legen. In Deutschland habe ich das bisher immer nur andersrum erlebt.
Die Kasse glaubt mir nicht, dass ich schon groß bin und ruft eine "Assistance" herbei. Eine Frau kommt und wundert sich, dass sie wegen des Kaufes von alkoholfreiem Bier meine Volljährigkeit überprüfen soll. Sie glaubt mir auch ohne Ausweiskontrolle, dass ich erwachsen bin. Die Situation wird durch den Umstand noch ein wenig ulkiger, dass sie ein Kopftuch trägt. Eine Muslimin, die ja nun auch keinen Alkohol trinkt, überprüft also einen älteren trockenen Alkoholiker dahingehend, ob er alkoholfreies Bier kaufen darf und beide finden das lustig.
Nach Howth
Es geht mit dem Bus durch Swords. Hier gibt es ein Haus, dass Rivendell heißt. Leider kann ich nicht aussteigen und klingeln. Ich wüsste zu gerne, ob Herr Elrond da ist.
In Malahide steigen wir aus. Meeresromantik. Wir stapfen durch den Sand, ein Hund wirft uns sein Bällchen hin.
Busfahrt nach Sutton, dort hocken wir uns auf eine Kaimauer und trinken das alkoholfreie Bier. Sehr, sehr fruchtiger Hopfen. Das gefällt mir. In Sutton steigen wir in den Zug nach Howth.
Dort fühle ich mich seltsam berührt. Howth ist ein kleines Städtchen extra für Tagestouristen und Fischer. Die Sonne scheint fast sommerlich und auch wenn hier recht viel los ist, die ist Stimmung irgendwie fröhlich gelöst. Spontan bekomme ich Lust, hier mal ein paar Tage am Stück zu verbringen.
Beim einem Ableger von Leo Burdock hole ich zum ersten Mal in meinem Leben "richtiges" Fish & Chips mit Salz und Essig.
Wir vertilgen unsere Portion auf einer Bank auf einer Wiese. Wie die Erdmännchen schaut immer einer von uns böse die Möwen an, um ihnen signalisieren, dass wir gut aufpassen und dass mit uns nicht gut Kirschen essen ist. Da ich ja bereit auf Sylt eine unangenehme Erfahrung mit einer Seemöwe gemacht habe, futtere ich wie ein scheues Meerschweinchen. Wir bleiben un-attackiert.
Der Kabeljau schmeckt mir hervorragend: Er ist knusprig, jedoch nicht von Fett triefend (der Fisch wird mehr oder weniger am Fließband zubereitet). Nur erschließt sich nicht, warum man Kartoffeln erst kross frittiert, um sie dann direkt danach in Essig und Fett wieder einzuweichen. Das ist mehr Kartoffelbrei als Pommes.
Eine deutsche Schülergruppe chillt in der Nähe herum. Junges Nerdmädchen mit den lila Haaren, schau nicht so traurig! Wir spielen alle nur unsere Rolle, so auch Du!
Wir drehen eine Runde um den Hafen, dann finden wir noch einen Tisch im Bloody Stream am Bahnhof, um die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges zu überbrücken. Ich trinke den ersten alkoholfreien Cider meines Lebens („Bullmer“). Von mir aus könnte man da auch ruhig „Lift" drauf schreiben.
Der Zug nach Sutton ist erstaunlich voll. Die Tagesausflügler wollen wieder heim zu Mama.
Swords
Von Sutton aus fahren wir mit dem Bus bis Swords. Hier steigen wir aus und besuchen den Pub "The Old Schoolhouse". Hier schmeckt wieder das alkoholfreie Guinness gut. Wir schreiben Postkarten. AS bekommt an der Theke von einem Typen ein Ohr abgekaut, dass wir doch noch in "The Pound" gehen sollen, um Livemusik zu hören. Wir laufen eine Schleife bis zu diesem Pub. Der Soundcheck drängt lärmend nach draußen und auch meine Begleiter haben keine Lust auf laute Musik. Aber der Pub wird für ein anderes Mal vorgemerkt, weil hier angeblich (zumindest dem Ohrkauer nach) das Guinness besonders gut sei.
Wir queren auf füßliche Art und Weise einen gefährlichen Kreisverkehr. AS meint, das würde ihn an das Spiel "Frogger" erinnern und er hat damit mehr als Recht. Wir spielen einen hohen Level, denn der Ire ist ja ebenfalls wieder Deutsche der Meinung, dass man nicht Blinken müsse, weil man das ja eh nur für andere macht.
Wir kommen an dem Lidl vorbei, wo ich seinerzeit mit Schinken gefüllten Cheddar kaufte und der dann erstaunlich gut schmeckte. Nun aber haben wir keinen Kühlschrank dabei, so dass wir darauf verzichten müssen, Käse sicher bis in die nebelverhangenen Wälder Germaniens zu schleppen.
Im Hotel sitzen wir noch eine Weile in der Lobby und quatschen. AS und ich quatschen auf dem Zimmer weiter bis es schon ganz schön spät ist.
Es ist schön, dass ich mit guten Freunden auch ganz ohne Alkohol beinahe eine ganze Nacht verquatschen kann.