Kieselblog

Mein Tagebuch

Felsenbirne

Er saß da wie er immer dort saß.

Sein Kopf war schwer, sehr schwer. Seine Arme waren schwer, seine Beine waren schwer, aber sein Kopf war am schwersten, denn er war unnatürlich groß und ganz aus Stein. Er schaute auf das Meer hinaus, dass an den Kieselstrand brandete. Möwen setzten sich ohne jeden Respekt auf seine Glieder, während der Wind das Moos streichelte, das auf ihm wuchs. Er hatte schon immer dort gesessen, an die Klippen gelehnt, und auf das Meer hinaus geschaut. Manchmal regnete es, selten bedeckte Schnee den Strand. Die Sonne schien und immer, immer wehte der Wind und auf dem Meer tanzten kleine weiße Kronen.

Einmal vor langer Zeit – damals war noch kein kein Moos auf ihm gewachsen – war etwas über das Meer gekommen. Ein Schiff war am Horizont erschienen, dann noch eines und dann noch eines. Ihre Segel hatten sich lustig im Wind gebläht und jedes hatte eine andere Farbe gehabt: Blau, Rot, Gelb. Die Schiffe waren bis ganz nah an die Küste herangefahren. In Booten waren Menschen an den Strand gekommen, um dann hektisch hin und her zur laufen. Feuer waren entzündet worden und die Menschen hatten einen Kreis vor seinen Füßen gebildet. Vier Gestalten waren in den Kreis getreten: Drei große und eine kleinere in ihrer Mitte. Die kleine Figur dort unten war eine Frau gewesen und ihr langes, blondes Haar hatte im Licht der Sonne geglänzt. In der Mitte des Kreise angekommen, waren zwei der Männer näher an die Frau herangerückt, während sich der dritte Mann hinter sie gestellt hatte. Die Frau war auf die Knie gesunken und der Mann hinter ihr hatte etwas in seiner Hand gehalten und dann war die Frau in den Kies gesunken. Der Blutgeruch war hochstiegen bis zu seinem schweren Kopf. Die Frau war gestorben. Darauf hin waren die Menschen im Kreis ebenfalls auf die Knie gefallen, jedoch ohne zu bluten und zu sterben. Bis sich der Abend niedersank, waren die Menschen verschwunden. Auch die tote Frau hatten sie mitgenommen.

Seitdem saß Felsenbirne ganz alleine über dem Strand. Nur die Möwen besuchten ihn – und der Wind.

Der ewige Wind.

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2026-08-16: Sonntag