2026-10-31: Samstag
Kusama-Ausstellung in Amsterdam
Nacht
Mittelgute Nacht. In den frühen Morgenstunden mit Ohrenstöpseln.
In meinen Träumen mache ich einen Ausflug mit den alten Handballkameraden. Ich muss aber erst noch meine Medikamente nehmen und die Tabletten wollen nicht enden. Mehr und mehr stopfe ich die Pillen in mich hinein und immer wieder füllt sich das Tagesfach des Dosierers.
Morgen
Ich liege früh wach, die Aufregung wegen der Reise steigt. Ich kann sie gut annehmen. Beim Frühstück (Kraftfutter mit Weintrauben und Apfel) meldet sich die Deutsche Bahn: Der frühe IC hat schon 2 Stunden vor Abfahrt Verspätung. Die Verspätung baut sich weiter auf. Da kann ich auch den eigentlich geplanten ICE nehmen.
Es ist unklar, ob ich es bis 11:15 zum Stedelijk-Museum schaffen werde. Dann endet nämlich mein Timeslot für die Kusama-Ausstellung. Langsam mache ich mich mit dem Gedanken vertraut, dass ich möglicherweise einen Tag in Amsterdam zur freien Verfügung haben könnte.
Ich bin versucht, unflätig über die Deutsche Bahn zu fluchen, aber natürlich mache ich das nicht.
Glukose in der Hose
In der Nacht war der Blutzuckerspiegel fast konstant bei ca. 80 mg/Dl. Nur um 23:30 Uhr rutschte der Wert auf 62. Ich bin mir sicher, dass ich dann auch aufgewacht bin und auf die Toilette gegangen bin. Freund CP hatte mir ähnliches von seinem Experiment mit einen Glukosesensor berichtet. Bei ihm war der Zeitpunkt aber wesentlich später, wenn ich richtig erinnere.
Fahrt nach Amsterdam
Die Lage ist dynamisch. Zum Glück habe ich heute die dicke Jacke angezogen, weswegen mir die feuchte Nebelkühle am Bahnsteig nicht ganz so viel ausmacht. Ein ICE nach Hamburg fällt wegen eines defekten Stellwerks komplett aus. Die wenigen Züge, die überhaupt fahren, haben Verspätung oder werden auf andere Gleise gelegt. Verfall! Verfall!
Den IC bekomme ich wegen eines plötzlichen Gleiswechsels dann auch nicht mehr. Der ICE hat natürlich Verspätung, kommt dann aber immerhin auf dem Gleis an, an dem ich sowieso schon stehe. Immerhin sitze ich bald in einem sehr, sehr warmen Wagen und checke mich an meinen Platz ein.
Hier schaue ich mir mal an, was ich statt der Kunstausstellung noch so unternehmen könnte. Irgendwie bin ich selber schuld, denn ich hätte sicher auch einen späteren Time-Slot buchen können.
Vielleicht das Rijksmuseum?
Der ICE fährt und langsam beruhigt sich der Geist. Wenn der Stress (der meiner Meinung nach immer aus einer Angst geboren wird) nachlässt, kann das Gehirn wieder denken. Es greift aus und fühlt sich in Gedanken vor. Mir kommt das Bild in den Sinn, wie ich mit CP und AS auf Reisen bin. Da laufe ich meist verträumt hinter den beiden her, während CP, der Reisleiter im Körper eines Juristen, mit seinem Zauberhandy Fahrpläne checkt und Tickets bucht. Also schaue ich mal nach, welche Alternativen es für den Fußmarsch (45 Minuten, ohne Verlaufen) gibt. Zwei Tramlinien fahren direkt bis zum Museumsplein. Ich lade mir die App des örtlichen Verkehrsbetriebes auf das Smartphone. Das Ticket kann ich online kaufen. Mit der Tram brauche ich nur ca. 15 Minuten.
Das erhöht meine Chancen wieder gewaltig. Weiter beruhigt, esse ich vor Erleichterung zwei mitgebrachte Mettwürste. Dann lese ich Manga. Die Geschichte um das Skelett, welches sich vor Gespenster fürchtet, erheitert mich. Gelächter im Ruheabteil.
Die Verspätung schnurrt auf zwei Minuten zusammen. Ich schiebe das auf die Wohlorganisiertheit der niederländischen Bahn. Die Aufregung steigt wieder an und ich schaue mir schon mal in der "GVP-App" an, wie ich denn mein Ticket nachher entwerten und einscannen kann. Die Anleitung ist auf englisch und wie ich finde, sehr verständlich. Es gibt sogar Fotos, wie man sein Smartphone unter den Scanner halten soll. Zeitlich könnte ich jetzt wieder zu Fuß zum Museum gehen, aber das "Abenteuer Straßenbahn" will ich mir nicht entgehen lassen.
Die Würste machen Durst.
Die Fahrt mit der Straßenbahn verläuft gut. Wenn man in den Niederlanden einen Bahnhof verlassen will, muss man sein Ticket scannen. Das funktioniert auch mit dem QR-Code des deutschen Tickets. Vielleicht probiere ich auch mal mit dem vom Albert-Heijn.
In den Straßenbahnen hier gibt es Türen nur zum Einsteigen und welche nur zum Aussteigen. Sogar mit Schranken! Auch hier scannt man sich den Weg frei. Klappt aber alles. Fühle mich weltgewandt.
Kusama (+ meine Empfindungen dazu)
Im Museum ist es sehr voll. Zum Glück werden wir hier nur in vorher festgelegten und gebuchten Zeitabschnitten reingelassen. Die Deutschen erkennt man daran, dass sie natürlich viel zu früh sind und mit ihren ausgedruckten Tickets wedeln. Ich wedele besonders doll, denn ich muss mal und die Toiletten sind erst hinter der Ticketkontrolle.
Das Frühwerk von Kusama empfinde ich als beängstigend und düster. Ganz so, als ob sie versucht hat, ihre Dämonen in Zeichnungen zu bannen. Immer habe ich das Gefühl, dass hinter den Werken eine Schrecklichkeit lauert. Vielleicht die Leere, vielleicht der Tod.
Schon früh tauchen ihre berühmten Punkte auf. Durch zerfasert alles. Die großen Bilder, die fast nur aus Punkten bestehen, verwirren den Betrachter. Auch hier fühle ich ein großes Grauen dahinter. Kusama hat auch ihre anderen Ängste vor Kontrollverlust verarbeitet. Ganze Räume sind voll mit Penissen. Alles ist verwuchert und verwachsen. Als ob sich H. R. Giger von ihr hat inspirieren lassen.
In der "Fuck-for-free"-Phase der gesellschaftlichen Öffnung hat sie das geschickt genutzt, um sich selbst auf dem Kunstmarkt zu platzieren.
Die Punkte wandern auf die organischen Skulpturen. Die organischen Skulpturen verwandeln sich mehr und mehr in die Pflanzen ihrer Kindheit. Während hinter den Punkten die Auflösung im Universum lauert, fühle ich mich so präsent und fest wie eine Rübe. Im Infinity Mirror Room dann komme ich drauf: Zwar sieht man hier in die Unendlichkeit der unendlichen Spiegelungen - aber durch die Punkte bekommt alles eine gewisse Struktur, eine gewisse Ordnung. Man ist nicht mehr verloren. Die Punkte, die Pflanzen, das Leben füllen die Leere aus.
Das ist eine versöhnliche Botschaft. Die habe ich mir jetzt einfach mal aus dem Arsch gezogen. Sie kann natürlich kompletter Humbug sein, aber habe ich das nun mal auf diese Weise empfunden.
Der Typ
Als ich in der Schlange vor dem Infinity Mirror Room stehe und mir Notizen mache, spricht mich ein Typ an. Er ist groß, dünn und trägt ein kariertes Hemd. Erst halte ich ihn für einen verrückten Schotten, allerdings handelt es sich um eine durchgeknallten Belgier mit Youtube-Kanal. Er möchte gerne wissen, was ich mir so notiere und zuckt dann zurück, als er bemert, wie unhöflich diese Frage ist. Wir unterhalten uns ein wenig, da wir ja eh nichts anderes zu tun haben. Der Typ ist ziemlich aufgedreht und ich habe nicht den Eindruck, dass er wirklich weiß, wo er sich gerade befindet. Es ist vollkommen klar, dass so Dude ausgerechnet mich anlabert. Ich ziehe solche Leute an.
Als er meinen Vornamen erfährt, redet er von Marc Aurel. Ich kontere mit Memento Mori und Susan Sonntag. Das scheint ihn zu beeindrucken. Zu spät erkenne ich meinen fatalen Fehler, denn irgendwie scheint er sich nun noch mehr für meine Person zu interessieren. Er riecht auch komisch. Er spricht viel von seinem Youtube-Kanal, aber ich verstehe ihn nicht gut, weil sein Englisch so schottisch klingt.
Ich fühle mich von der Realität veräppelt! Das soll ein Belgier sein? Ich werde doch wohl einen Belgier von einem Schotten unterscheiden können! Selbst das bunte Hemd passt besser zu einem Schotten als zu einem Belgier!
Nachdem wir uns ungefähr viermal die Hände geschüttelt haben, verabschiede ich mich und verschwinde durch den Ausgang.
Amsterdam
Vor dem Museum spielt eine Gruppe junger Männer performativ Rugby. Fußball wäre natürlich zu uncool. Ich setze mich auf eine Bank und verzehre mein mitgebrachtes Baguette. Eine junge, blonde und sehr schöne Frau läuft vorbei. Sie trägt Hot Pants und hat neben Glitter auch eine tiefe Traurigkeit im Gesicht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Geschichte dahinter erfahren will.
Wer sich hier nicht dauernd selbst fotografiert, fällt auf.
Um die vielen Empfindungen besser verarbeiten zu können und weil ich sowieso nichts anderes zu tun habe, laufe ich einfach so durch die Stadt. Sie ist auffallend schön und quirlig. Die Cafés sind alle gut besucht. Weil mich der Hafer sticht, scanne ich mir ein einem Albert Heijn eine Tüte mit gefüllten Waffeln (ich sollte so etwas ja nicht essen ...). In einem Park verzehre ich die Waffeln auf einer Bank sitzend. Sie schmecken mir ungewöhnlich gut. Mein Zuckerbedarf für die nächste Wochen ist gedeckt.
Später kehre ich in einer Wirtschaft ein. Beim Kaffee schreibe ich Postkarten, die ich im Museumsshop gekauft habe. Frankieren tue ich sie mit digitalen Briefmarken der niederländischen Post. So kann ich sie direkt hier in Amsterdam in den Briefkasten werfen! Wieder einmal: Segen der Technik!
In der Wirtschaft (Bar, Kneipe, Café, Restaurant) entspanne ich ein wenig. Dann zapft die junge Dame hinter der Theke zwei Bier an und es setzt sich meine alte Bekannte neben mir und krault mir den Nacken. Es ist die Sucht, die mich gefunden hat. Ich bin müde, ich habe was erlebt und habe noch recht viel Zeit an diesem für mich fremden Ort. Wäre es da nicht ...? Da könnte man doch ...? Wäre doch so viel einfacher ...?
Ich zahle und gehe. Draußen ist die Luft irgendwie besser.
An den Grachten ist es schön. Ich umlaufe die volle Innenstadt.
Essen muss ich eigentlich nichts, aber wenn mir eine Fleischkrokette vor die Füße rollte, dann werde ich wieder dem Fleischkrokettenmysterium anheimfallen:
Erst esse ich eine Fleischkrokette. Mich schüttelt es vor Ekel ob der widerlichen überwürzten Fleischpaste darin.
Dann esse ich noch eine.
Allerdings isst, wie ich schon vor einigen Jahren festgestellt habe, der Niederländer ja inzwischen ziemlich gesund. Ich halte das für eine konsequente Weiterentwicklung seiner protestantischen Arbeitsethik. War es früher opportun, mittags möglichst schnell etwas billig-fettig-sättigendes zu essen (= Fleischkrokette und Co.), um dann schnell wieder an die Arbeit zu gehen und war ausgiebiges Tafeln guter Speisen doch eher papistisches Teufelszeug, so ernährt man sich nun gesund, um möglichst knackig dem Arbeitsmarkt lange zur Verfügung zu stehen.
Oder sie sterben nicht so gerne an einem Herzinfarkt.
Nur im Viertel rund um den Hauptbahnhof, wo die ganzen Coffeeshops sind und es so seltsam nach Weihrauch riecht, gibt es reichlich Pommesbuden. Ein Schelm, wer einen Zusammenhang erkennt.
Hier finde ich eine Frittenbude, die hauptsächlich von Menschen mit subkontinentaler Haut frequentiert wird. Warum, weiß ich nicht, aber die Pommes laufen hier echt gut und wäre ich nicht eigentlich schon satt, so würde ich auch welche mit geriebenem Cheddar (!!) probieren. Doch ich bestelle "nur" zwei Fleischkroketten (Ihr wisst schon: Das Mysterium!). Eine aus Rind"fleisch" (der Klassiker) und eine aus Kalb"fleisch".
Man bestellt übrigens an einem Schalter und muss sich dann zusammen mit den anderen Hungrigen in eine Ecke quatschen. Fröhliches Geplapper. Mir wird warm und die Nähe zu den anderen Menschen ist mir unangenehm. Dann aber erlöst mich der Klang meines Names, denn mit dem habe ich ja (neben ein paar Euros) gerade bezahlt.
Ich esse die Kroketten im Gehen und das Fleischkrokettenmysterium lässt die Gassen der Altstadt golden glänzen. Diesen Scheiß werde ich niemals wieder essen! Bis zum nächsten Mal.
Irgendwie ist es hier zu voll und es gibt viel zu viel Gouda. Dazu Betrunkene, seltsam zwischen den Touristengruppen herumflitzende Kinder und jede Menge Polizei. Zum Glück ist der Bahnhof nicht weit. Hier trinke ich noch einen Kaffee (die Rückfahrt wird lang!) und schaue aus dem Fenster auf die schönste Bahnhofsrückseite, die ich je gesehen habe: Eine Promenade am Wasser, Boote, Fähren, fröhliche Menschen im Sonnenuntergang.
Heimfahrt
Ein kleiner Tipp: Wer noch ein richtiges niederländisches Automatenrestaurant sehen will (Fleischkroketten!), der wird im Hauptbahnhof Amsterdam fündig. Dort, wo es zu den Bahnsteigen geht, gibt es eines.
Der ICE nach Deutschland fährt schon mit 30 Minuten Verspätung los. Ich bin sehr müde und meine Füße tun weh. Immerhin sitze ich gut.
Irgendwann gegen 22 Uhr bin ich zu Hause und falle direkt ins Bett.
Kopfweh.
Stimmt es, dass ...?
Die von mir sehr geschätzte Sendung auf arte gibt es jetzt auch als Audio-Podcast.