Kieselblog

Mein Tagebuch

2026-10-17: Samstag

Imagine in Köln

Nacht

Ganz ordentliche Nacht. Träume wieder wild und wirr.

Morgen

Ich bleibe bis fast acht Uhr morgens liegen. Bin doch geschafft von der Woche. Nach dem Frühstück (Kraftfutter mit zwei Äpfeln) ruhe ich noch ein wenig im Schwingsessel, weil es ja Wochenende ist. Ich sogar zu träge, um Kaffee zu kochen. Ein Teufelskreis!

Gegen halb zehn mache ich mich auf dem Weg zum Computerfritzen (fun fact: In Meiderich gab es damals gegenüber unserer Wohnung tatsächlich einen Laden, der “Computerfritze“ hieß). Dort erinnert mich die Atmosphäre sehr an “Tech Town“ aus den Viva la Dirt League-Sketchen. Ich werde auf das Vortrefflichste bedient und bin kurze darauf einen vierstelligen Betrag ärmer, aber eine unabhängige Kraftmaschine reicher. Der riesige, gut gepolsterte Karton lässt sich gut mit der Sackkarre in der 901 nach Hause transportieren.

Daheim kann ich mich aber noch nicht dem neuen Mitbewohner widmen, denn ich muss mir Mittagessen machen (Aufbackbrötchenburger mit Hähnchenschnitzel). Zum Nachtisch Erdnussbutterkekse. Ich bin mal wieder schwach geworden und habe mich mal wieder vom Belohnungszentrum betuppen lassen und hoffe, dass die Wirkung des Zuckers nicht ganz so doll wird, da ich ihn ja zusammen mit der Hauptmahlzeit einnehme.

Köln

Ich versuche, nach Köln zu kommen. Erst sieht auch alles danach aus, als ob es nach Plan verlaufen wolle, aber der Bahngott ist mir nicht gnädig und ich erlebe Gleiswechsel mit Gleiswechseln in den Gleiswechseln. Der Bahnsteig wird voller und voller und mit dem Gedränge wachsen in mir Beklemmung und Zorn. Irgendwann wechsele ich entnervt auf das S-Bahn-Gleis. Mein Plan: Erst einmal fahre ich mit der S1 nach Düsseldorf und sehe dann dort weiter. Im Notfall geht es mit der S6 weiter Richtung Köln.

Zum Glück habe ich massig Zeit.

Der Umstieg in Düsseldorf klappt. Der RE5 hat inzwischen über 80 Minuten Verspätung - ich habe ihn also mit der S1 überholt. Der nachfolgende RE5 ebenfalls schon ordentlich Verspätung hat, entscheide ich mich dann einfach für die S11, die ja auch eine andere Strecke fährt als die REs (über Neuss und Dormagen statt Leverkusen).

Das Lied “Raining on the Rock“ und legt sich sanft tröstend über meine Seele.

S-Bahn-Gedanken

Die S-Bahn verwandelt sich in meinen Augen mehr und mehr zum “unteren Weg“ des Nahverkehrs (“You take the high road and i take the low road.“). Es dauert, aber man kommt durch. Es dauert, aber man durchfährt fremde Länder und Gegenden wie “Neuss Allerheiligen“. Zwei junge Frau essen Pappkartons leer und giggeln dabei, mir gegenüber sitzt ein hübsches, aber sehr strenges Mädchen. Geklingerte Häuser lassen jeden Verehrer abblitzen.

Höhe Dormagen höre ich, wie Chuck Norris Experiment “Don´t bring me down“ covert. Die Stimmung ist ganz gut und ich trinke Kaffee.

Ob sich Köln-Worringen wohl viele Sorgen macht? Ich entschuldige mich bei den Lesefröschlein in aller Form für dieses dumme Wortspiel.

Wie entschuldigt man sich eigentlich “in aller Form“? Ich denke da sofort an Backformen und bitte auch jetzt um Verzeihung.

Weg nach Nippes

Ich steige “Geldernstraße/Parkgürtel“ aus, weil ich langsam mal ein paar Schritte gehen muss. An dieserm seltsam zubetonierten Bahnhof steht ein Mann mit Bierflaschen und einer gigantischen Boom-Box und hört laut Kölsche Musik. Ein Mann und eine Frau stehen bei ihm. Der eine Mann hat seinen Arm um den anderen gelegt, scheint ihn trösten zu wollen. Alle drei sind reichlich bebiert.

Über die Straße kommt eine dicke Frau in Latzhose, die aussieht, als hätten Carlosson vom Dach und das Sams miteinander gebumst.

In Neu-Ehrenfeld habe ich während meines ersten Studiums gewohnt, gelebt und gesoffen (fragt Flöte und Freundchen!). Hier hat sich viel verändert, aber ich habe mich auch verändert. Ich fühle wenig Nostalgie, eigentlich fast überhaupt nicht. Das “Herkules-Haus“, wo meine Bude war, hat sich schamhaft verhüllt. Die “Fleischversorgung“ ist einer Fahrschule gewichen. Ein Stück Breite Straße. Aktive Geräuschunterdrückung gibt mir Freiraum. Vor der “Schnitzery“ (sp?) versammelt sich eine Horde Jugendlicher. Es ist eine beruhigende Konstante, dass die Bekloppten nicht aussterben.

Auf dem Offenbachplatz setze ich mich auf die steinernde Umrundung einer Begrünung. Ein paar letzte Sonnenstrahlen. Ein Mädchen im Rollstuhl fährt lachend immer wieder im Kreis um die Begrünung herum. Ich trinke den letzten Kaffee aus der Kanne, dann wird es wieder Zeit, die dicke Jacke anzuziehen.

Ich denke an zerbrochene und unerfüllte Lieben. Ich denke an Familie, ich denke an Freunde. Ich freue mich darauf, gleich mit weichen Menschen ins Theater zu gehen, auch wenn ich nicht die geringste Ahnung habe, was heute gespielt wird. Es geht hier nicht ums Theater. Es geht nämlich im Leben nie ums Theater.

Theater

Wir schauen die Generalprobe von “Imagine“, inszeniert von Kay Voges. Kay Voges scheint gerne gewisse technische Spielereien zu benutzen, was dem Stück aber ganz gut tut. Zwei Kameras fahren auf Schien im Kreis durch das Bühnenbild, so dass man auch sieht, was “hinter den Kulissen“ (in diesem Fall die Innenräume von Gebäuden oder deren Rückseiten) geschieht. Auch bekommt alles neben der reinen Bühne zusätzlich eine filmische Perspektive.

Das erste Drittel empfinde ich als sehr anstrengend, da mein Gehirn keine Handlung erkennen kann. Auch muss ich mich erst davon lösen, alles mitbekommen zu müssen, was auf der Bühne und den zwei Monitoren geschieht.

Ab dem zweiten Drittel wird für mich ein roter Faden erkennbar und ich entspanne mich ein wenig. Alles ist sehr traumhaft. Das kenne ich ja schon von meinen eigenen Geschichten (Zwinkersmiley).

Es ist höchst seltsam, am Ende eines Stücks nicht zu Applaudieren, aber es ist ja eine Generalprobe. Immerhin geht es fix wieder raus.

Wir laufen als Gruppe noch ein wenig durch die Stadt, vorbei an von Influencern belagerten Imbissen. Jeder hat verrückte Geschichten von plötzlich überlaufenden gastronomischen Betrieben zu erzählen. Wir leben wahrlich in einem Tollhaus.

Rückfahrt

Die lustige Truppe zieht noch in den “Lederer“, ich hingegen zum Dom und zum Hauptbahnhof. Die Bahn-App will mich über Neuss nach Duisburg lotsen, aber ich befürchte, entweder 45 Minuten dort auf einen Anschluss warten zu müssen oder dort hängen zu bleiben. Lieber fahre ich über Düsseldorf, weil ich von dort noch immer irgendwie nach Duisburg kommen kann (zur Not mit der U79). Allerdings muss ich mich selber beruhigen, denn es ist erst kurz nach 22 Uhr. Nur für mich fühlt es sich so an, als würde bald der Morgen grauen.

Der RE6 nach Düsseldorf ist angenehm ruhig und leer.

In Düsseldorf dauert es noch eine Weile, bis der heillos verspätete RE19 dann eintrifft.

Der Lokführer sagt durch, dass der Zug wegen einer Stellwerksstörung in Oberhausen nur bis Duisburg fährt. Einige Menschen, die bis nach Wesel müssen, sind ein bisschen verzweifelt, weil sie jetzt den Schienenersatzverkehr nehmen müssen.

Ich unterhalte mich nett mit zwei Jugendlichen, die nach Voerde am Niederrhein müssen.

Immerhin habe ich Glück und kann in Duisburg aussteigen.

Daheim falle ich vollkommen erschlagen ins Bett.

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