Kieselblog

Mein Tagebuch

2026-09-11: Freitag

Konsumiert Euch!

Nacht

Einigermaßen vernünftige Nacht nach den Spezifikationen der Deutschen Schnorchelstiftung. Träume weiterhin vom Computerspiel geprägt. Mir träumt aber auch, dass mein alter Freund DS bei meinen Eltern zu Besuch ist und ich ihm morgens helfe, in sein riesiges Exoskelett mit Flügeln zu steigen.

Mein Papa zeigt mir eine zusätzliche Küche, die er im Keller eingerichtet hat. Sie besteht nur aus weißen Möbeln, die andere Leute bei sich daheim durch dunklere ausgetauscht haben. Dunkle Möbel sind nämlich jetzt modern. Dann gehe ich in den Discounter und kaufe beinahe Dosenbier.

In der Schule ist Karnevalsparty und ich laufe durch die Klassenräume. Wie lange war ich schon nicht mehr im Schulgebäude? Auf dem Weg zur Toilette wache ich auf und muss aufs Klo.

Morgens Packen

Der Wecker weckt um vier Uhr, ich snooze aber noch genüsslich bis halb fünf Uhr. Ich bin sehr dankbar dafür, die Snooze-Zeiten am Wecker selber einstellen zu können und verfechte das Prinzip: Wenn überhaupt snoozen, dann muss es sich auch lohnen, wieder einzuschlafen! Die einzige Ausnahme sind fünf Minuten, in denen man wach liegen will, um sich zu strecken.

Nach dem Frühstück (Kraftfutter mit Banane) packe ich den Rucksack, denn heute will ich nach Feierabend zu meinen Eltern fahren.

Heute ziehe ich zum Bandshirt-Friday mein neues Samurai-T-Shirt an. “Samurai“ ist eine fiktive Band aus Cyberpunk 2077. Es gibt auch welche mit (natürlich ebenfalls fiktiven) Tourdaten, aber die gab es nicht in meiner Größe.

Schwanenspiegel

Mittags laufe ich zur Friedrichstraße, wo ich schon lange nicht mehr war. Es gibt dort jetzt ein koreanisches Restaurant!

Da es kaum noch althergebrachte Schreibwarenläden mehr in Laufweite meiner Dienststelle gibt, gehe ich zu McPaper und werde fündig in Fülle. Ich möchte mich an einem Geschenk beteiligen und mein Beitrag wird ein Set Textmarker sein. Vielleicht werde ich die Geschichte ein anderes Mal erzählen.

Rund um den Schwanenspiegel sitzen junge Menschen mit Zeichenblöcken. Ich werde missträuisch beäugt, weil ich mich auch auf eine Parkbank setze, aber statt mit einem Tuschestift zeichne ich mit einer Tastatur. Der Schwanenspiegel ist glatt und grün. Schwäne spielen Entenpo und schämen sich nicht dafür. Mir ist warm.

Mein Herz hat sich kurz geschlossen wie eine Blüte, um sich stolz dann im Licht der Sonne zu zeigen. Manchmal muss man einfach nur warten, hat das kleine Pelztier gelernt. Die Sonne scheint nicht eher, wenn man an ihr zieht!

Komfortzone

Heute fahre ich ja ins Elternhaus und dazu muss ich meine Komfortzone verlassen. Die Aussicht auf die Zugfahrten und das Durchbrechen der Routinen will mir schlechte Laune machen, aber ich muss halt unbedingt wieder raus aus meinem Schneckenhaus. Ich will ja meine Eltern wiedersehen.

Außerdem muss ich schon mal üben für den Flug eine Woche später (welch ein Grausen! Welch ein Schrecken!).

Feierabend

Zum Feierabend ziehe ich mir dann doch ein Jäckchen über. Huiiii! Jetzt will es doch frisch werden.

Heute geht es mal mit der Bahn zum Hauptbahnhof, denn ich will den Zug nach Hagen nicht verpassen. Die gesparte Zeit warte ich dann am Gleis ab. Zum Glück ist die planmäßige Umstiegszeit in Hagen so lang wie mein Bart sein wird, wenn ich dereinst meinen Urenkeln von dieser wunderlichen Fahrt berichten werde.

Das Herz flattert. Es flattert und brennt, aber ich habe ja gelernt, dass sich das wieder ändern wird. Ich schaue aus dem Fenster. Direkt nach Düsseldorf beginnt das niederbergische Land. Der Zug durchfährt einen meiner Erinnerungsorte. Der Himmel wird herbstlich.

11. September

Natürlich denke ich an die Anschläge damals. Wie ich erst gedacht habe, da sei so ein kleines Sportflugzeug in das Hochhaus geflogen. Wie ich die Bilder im Internet sah, kurz bevor es zusammenbrach. Dieses Bilder der Türme, die fallenden Menschen. Wie ich nach Hause kam und die Meldung, dass auch das Pentagon angegriffen worden sei, mich zum Weinen brachte. Wie ich plötzlich Angst hatte, dass die USA irgendein Land auf der Welt mit Atomwaffen ausradieren würden. Wie mich die Liebste in den Arm nahm. Wie wir uns getröstet haben.

Unauslöschbar ist aber auch die Erinnerung daran, wie kurz nach den Anschlägen Bundeskanzler Gerhard Schröder die IAA eröffnete und uns Bürgerinnen und Bürger dazu aufrief, trotz des Terrors den Konsum nicht aus den Augen zu lassen. Wir sollten doch weiter konsumieren. Menschen sind aus Hochhäusern gesprungen, um nicht zu verbrennen. Feuerwehrleute waren in Asche gepudert. Wir haben alle diese kleinen Punkte gesehen, wie sie nach unten fielen, um auf dem Asphalt der Straße zu zerplatzen.

Doch wir sollten nicht vergessen, zu konsumieren! “Der Konsum!” hat uns der Kanzler eingeschärft und wieder: “Der Konsum!”

Seitdem empfinde ich unserer politischen Klasse gegenüber nur noch Ekel.

Unbeantwortet bleibt die Frage, warum ich genau für solche Leute arbeite.

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