Kieselblog

Mein Tagebuch

2026-07-30: Flossenbürg

Nacht

Mittelmittel Nacht. Die Temperaturen sind erträglich. Zwischendurch öffne ich das kleine Fenster, um kühle Luft hineinzulassen. Ohrenstöpsel halten die Ruhe. Doch immer wieder fange ich an, während der Schlafphasen kräftig zu schwitzen. Sind das schlechte Träume? Ich denke natürlich an die Autoimmunkrankheit meiner Mutter, zu der auch nächtliches Schwitzen gehört — allerdings in einer extremen Form.

Traum vom Handballspiel

Mir träumt, wir spielen im elterlichen Treppenhaus Handball. Mein Bruder ist der Schiedsrichter. Das Spiel ist sehr schnell und es geht hin und her. Einmal wirft einer aus unserem Rückraum sogar in ein leeres Tor, weil der gegnerische Torhüter nicht rechtzeitig zurück im Kasten ist. Einmal kebbelt sich mein Bruder mit dem gegnerischen Torhüter um den Ball. Dabei spielt mir mein Bruder den Ball zu (was ich unfair finde). Trotzdem stürme ich auf das Tor zu. Leider ist der Ball so unglaublich schwer, dass ich ihn nur schwach werfen kann.

Morgen

Der Wecker geht um halb sieben Uhr. Ich snooze noch eine Viertelstunde. Fühle mich auf der halben Strecke von ausgeruht und nach zerschlagen. Immerhin tun mir die Muskeln nicht so weh.

Weg nach Flossenbürg

Heute will ich nach Flosssenbürg, um die dortige Gedenkstätte und vielleicht auch noch die Burgruine anzuschauen.

Ich laufe also zum Bahnhof Weiden, um dort in den Bus zu steigen. Es ist gegen halb zehn Uhr schon unglaublich warm. Ich suche mir einen Schattenfleck, um nicht schon bereits am Vormittag einzugehen.

Ich sehe einen Gedenkstein, der mich darüber aufklärt, dass dies hier der Johann-Grünwald-und-Georg-Dietl-Platz ist. Die Geschichte seines Namens finde ich sehr berührend.

Im Bus. Draußen schiebt eine Pflegerin einen sehr gebrechlichen alten Mann in seinem Rollstuhl. Sein Mund steht offen, seine Augen schauen ungläubig. Seine Beine sind in einer bunte Decke eingewickelt. Im Schoß ruhen seine Hände auf einem Stofftier. Es ist ein kleiner, roter Vogel.

Gedenkstätte KZ Flossenbürg

In Flossenbürg ist es schon brüllend heiß (mir gehen langsam die Adjektive und Synonyme zur Beschreibung von Hitze aus!).

Über den Appellplatz laufe ich zur Daueraustellung.

An einigen Stellen wird moderne Technik sehr klug eingesetzt, z. B. gibt es im Eingangsbereich eine Reliefkarte des Lagers. Daneben eine Leinwand, auf der die Entwicklung des KZs und seiner Umgebung über die Jahrzehnte gezeigt wird. Was man im Film sieht, wird mittels Projektion auf der Karte geographisch eingeordnet.

Leider gibt es aber auch hier wie in vielen Museen tote Multimedia-Stationen.

Aber ich bin ja nicht hier, um mir technischen Kram anzuschauen. Die vielen Schicksale (es wird viel personalisiert) bewegen mich sehr. Der Zynismus der Nationalsozialisten, ihrer Helfer und Profiteure war grenzenlos. Man hat die Menschen hier sich einfach im Steinbruch zu Tode arbeiten lassen. Sie bekamen zu wenig zu essen und wenn sie nicht einfach so starben, kamen sie in die „Quarantänebaracken“, wo man sie verhungern ließ — wenn man sie nicht gleich hinter den Baracken erschoß. Das Krematorium war gleich nebenan.

Später kam dann ein Messerschmitt-Werk dazu und löste den Steinbruch nach und nach ab. Ein ehemaliger Häftling berichtet per Tonband, dass er überlebt hat, weil er aus Aluminiumresten Zigarettenetuis gebaut hat und über seinen Kapo gegen Suppe getauscht hat. Das hat ihm das Leben gerettet, sonst wäre er verhungert.

Es wurden auch Kriegsgefangene und behinderte Menschen ins Lager zur Ermordung überstellt.

Ein Ausstellungsstück berührt mich auf seltsame Art und Weise: Es handelt sich um einen Teil es Essgeschirrs eines Häftling. Es war wahrscheinlich ein Teil eines deutschen Kochgeschirrs. So eines habe ich auch schon im Berlin Story Bunker gesehen. Allerdings habe ich so eines als Soldat selber gehabt. Mein Bruder hat aus so einem Teil gegessen, meine Großväter und viele meiner Freunde. Die Urform dieses Essgeschirrs nennt sich Gamelle und kommt aus der Schweiz. Es gibt sie seit 1875 und seitdem essen überall auf der Welt Soldatinnen und Soldaten, aber auch Kriegsgefangene, andere Häftlinge, aber auch Verbrecher und Mörder wie SS-Leute aus solchen Dingern. Das ist eine eigenartige Verbindung.

Langsam spüre ich, dass ich wohl krank werde. Ich fühle mich schwummerig in einer Art und Weise, die nicht nur von der Hitze kommen kann. Trotzdem gehe ich noch nach draußen und schaue mir den eigentlichen Gedenkbereich an. Der jüdische Gedenkort ist ein kleiner, sehr stiller Raum. Die katholische Kapelle lasse ich aus. Dann gehe ich durch das „Tal des Todes“, wo einst die „Quarantänebaracken“ standen. Hier wird der Toten aus aller Herren Länder (übrigens auch Dietrich Bonhoeffer) gedacht. Es gibt einen grasbewachsenen Hügel aus Asche und Knochen. Eine Rampe aus Erde führt vom eigentlichen Häftlingsbereich hinunter zum Krematorium. Hier wurden die Toten zur Verbrennung runter geschafft.

Zu Mittag esse ich im Museumscafé. Doppelte Ironie: Es ist im ehemaligen SS-Casino angesiedelt und wird von einem inklusiven Projekt betreut. Es arbeiten also hier diejenigen Menschen, welche früher hier von den Nazis umgebracht worden sind.

Nach zwei Stücken Dinkel-Quiche, einem Salat und einem Liter Apfelsaftschorle geht es mir schon ein wenig besser.

Dann laufe ich zur Bushaltestelle. Dort treffe ich auf ein älteres Ehepaar aus Frankreich. Der Mann spricht mich auf Englisch an und er fragt mich, wie mir der Besuch der Gedenkstätte gefallen hat. Wir kommen ins Gespräch. Der Großvater der Frau war hier Häftling und sie hatten gehofft, etwas über ihn zu erfahren. Die Unterhaltung ist geprägt von freundlichem Respekt. Ich freue mich sehr über diese kurze Bekanntschaft.

Zurück in Weiden, Abend

Nach der Busfahrt (ich freue mich sehr über die funktionierende Klimaanlage) lege ich mich im Hotel erst einmal eine Stunde hin.

Danach besorge ich mir in einer Apotheke eine Packung Ibuprofen für alle Fälle und treffe mich noch mal mit AR. Im „Edelweiß“ sitzend trinke ich ganze drei alkohofreie Weizen und mit ihnen kehrt wirklich eine Menge Energie zurück. Außerdem schmeckt das Bier der Brauerei Gutmann lecker bananig. AR und ich reden viel über Flossenbürg (sie kennt jemanden, die dort arbeitet).

Dann verabschieden wir uns herzlich. Ich breche die Fastenregel, weil ich meinem Körper keine Energie vorenthalten will. Da in den Restaurants am Marktplatz alle Plätze belegt sind, gehe ich in eine Pizzabude hinter dem Hotel und esse dort eine erstaunlich wohlschmeckende Salamipizza. Ich glaube, mein Körper braucht auch einfach Salz.

Wieder im Hotel dusche ich mich, packe schon einmal ein paar Klamotten zusammen und lege mich früh ins Bett.

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