{"id":684,"date":"2026-07-25T09:04:47","date_gmt":"2026-07-25T07:04:47","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kieselwiese.de\/?p=684"},"modified":"2026-07-25T09:04:47","modified_gmt":"2026-07-25T07:04:47","slug":"2026-07-20-berlin-story-bunker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kieselwiese.de\/?p=684","title":{"rendered":"2026-07-20: Berlin Story Bunker"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Nacht<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eher unruhige Nacht. Die Matratze hat schon bessere Tage gesehen, ich kann aber trotzdem einigerma\u00dfen liegen.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tr\u00e4ume bunt und wirr. Einmal bin ich auf der Arbeit im alten Dienstgeb\u00e4ude, da steht pl\u00f6tzlich eine riesige Menschenmenge vor meiner Bibliothek. \u201eNa, was wollt Ihr denn hier?\u201c rufe ich fr\u00f6hlich und die Menge zerstreut sich h\u00f6flich. Dann muss ich \u00fcber einen Flur und \u00fcberall liegen Scherben. Ich bin aber barfu\u00df unterwegs. Zum Gl\u00fcck passiert nichts.<\/p>\n\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Morgen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wache ab vier Uhr morgens immer wieder auf, bleibe bis kurz vor sechs Uhr aber liegen. Bin einigerma\u00dfen erholt. Espresso aus der Reise-Bialetti. Fr\u00fchst\u00fcck gibt es hier montags ab sieben Uhr, den Rest der Arbeitswoche ab sechs. Man will wohl entspannt in die neue Woche starten, was ich gut verstehen kann.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geburtstagshunger. Die ersten Gl\u00fcckw\u00fcnsche treffen ein. Von Stauffenberg hat vor 82 Jahren versagt, aber vor 52 Jahren bin dann ich auf die Welt geflutscht. Das h\u00e4tte ja wohl auch niemand f\u00fcr m\u00f6glich gehalten!<\/p>\n\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Schuhe<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf meinen Reisen trage ich ja meist meine Wanderschuhe von B\u00e4r. Da diese wegen ihrer Schn\u00fcrung jedoch recht m\u00fchsam anzuziehen sind, habe ich mir noch meine (eigentlich nicht so gut passenden) Schl\u00fcpfschuhe eingepackt. Die kann ich dann zum Beispiel um die schrundigen Zehen schlupfen, wenn ich zum Fr\u00fchst\u00fcck runter gehe.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir f\u00e4llt erst unterwegs auf, dass ich sie noch an den F\u00fc\u00dfen trage, da ist es f\u00fcr einen Wechsel aber schon zu sp\u00e4t. Dennoch leisten die Schuhe den Tag \u00fcber ihre Arbeit, nur gegen Ende meiner Tour sp\u00fcre ich doch, dass das Gehen in ihnen relativ anstrengend ist.<\/p>\n\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kaffeegunst<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor der <a href=\"https:\/\/www.berlinstory.de\/\" title=\"Homepage Berlin Story Bunker\">Berlin Story Bunker<\/a> aufmacht, trinke ich gegen\u00fcber noch eine Tasse Kaffee. Beziehungsweise trinke ich zwei Tassen, weil die unglaublich nette Barista  mir eine zweite Tasse bringt, da \u201eder Kaffee so langsam durchl\u00e4uft, dass der erste vielleicht komisch schmeckt\u201c. Ich gerate ins Schw\u00e4rmen, was nicht nur am Kaffee liegt.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geburtstagsgr\u00fc\u00dfe trudeln ein. <\/p>\n\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Berlin Story Bunker<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurator Wieland Giebel macht die Schranke hoch und ich komme p\u00fcnktlich um zehn Uhr rein. Im Eintrittspreis ist ein Audioguide enthalten. Fotografieren ist nicht erlaubt.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun f\u00fchrt einen die Ausstellung chronologisch vom Kaiserreich an durch die Geschichte, immer gef\u00fchrt von der Frage \u201eHitler \u2014 wie konnte es geschehen?\u201c. Hitlers Werdegang nimmt hierbei viel Raum ein. Auch wenn ich nicht ganz die Zielgruppe der Ausstellung bin (dazu besch\u00e4ftige ich mich schon zu lange mit dem Thema), finde ich doch an vielen Stellen Dinge, die mir neu sind und \u00fcber die sich nachzudenken lohnt. Was war das mit dieser Schw\u00e4rmerei, zu der Hitler schon in seiner Jugend geneigt hat? Oder seine stundenlangen Monologe? Hat es mit seiner Mutter zu tun, die er abg\u00f6ttisch geliebt hat? Wie war es eigentlich mit seinem Antisemitismus? Mir scheint es, als habe sich Hitler nach und nach selber radikalisiert, sich in den Holocaust hineingelabert. Ich kenne das von Menschen in narzisstischen N\u00f6ten, die ja auch immer das Reden, was andere (ihrer Meinung nach) h\u00f6ren wollen, aber auch immer das glaube, was sie selber reden.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders toll finde ich, dass der Audioguide vom Kurator selber eingesprochen wurde. Damit bekommt das alles eine viel pers\u00f6nlichere Note. Mir zeigt jemand die Ausstellung, die er selbst kuratiert! Es flie\u00dfen auch immer wieder pers\u00f6nliche Geschichten ein. <\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bunker selbst steuert viel Atmosph\u00e4re bei. Ein Stockwerk ist noch im Urzustand belassen und ich kann es hier kaum aushalten. Es ist kaum vorstellbar, dass ich hier in den letzten Kriegstagen 12.000 Menschen (!) ohne Essen, Wasser und Luftzufuhr ausgeharrt haben, w\u00e4hrend drau\u00dfen die Schlacht um Berlin tobte. Die rote Armee hat dann irgendwann den Bunker unter Wasser gesetzt und die Menschen sind \u00fcber einen Tunnel und die U-Bahn zum Anhalter Bahnhof evakuiert worden. Die Umrisse von Metallgegenst\u00e4nden, die im Wasser zu Boden gesunken waren, kann man noch heute sehen.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind eine Menge Besucher da, die sich zum Gl\u00fcck einigerma\u00dfen in den G\u00e4ngen verteilen. Das Publikum ist bunt gemischt, man h\u00f6rt alle m\u00f6glichen Sprachen.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach der Ausstellung besuche ich das Ukraine-Museum im Untergeschoss. Eigentlich bin ich ja extra wegen dieser Ausstellung hierher gekommen. Es w\u00e4re kl\u00fcger gewesen, mir das Ukraine-Museum <em>vor<\/em> der Dauerausstellung anzusehen, denn ich bin ganz sch\u00f6n durch, f\u00fchle mich vergilbt. Trotzdem beeindruckt mich auch diese Ausstellung. Man kann sich die Drohnen, die man aus den Nachrichten kennt, hier in echt anschauen. Es handelt sich haupts\u00e4chlich um authentische Exponate. Ich bin fasziniert, <em>wie<\/em> sehr einige davon improvisiert sind. Einmal sehe ich mich selbst auf meinem Monitor. Gefilmt werde ich von der FPV-Drohne an der Decke. Sie tr\u00e4gt die Attrappe einer Granate. Im Ernstfall w\u00e4re ich jetzt tot.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Brutalit\u00e4t der russischen Armee, die gezielte Jagd auf Zivilisten macht mich sehr w\u00fctend. Der Anblick einer Kinder-Schaufensterpuppe mit Schutzweste treibt mir Tr\u00e4nen in die Augen. <a href=\"https:\/\/www.berlinstory.de\/news\/ukraine-hilfe-ihr-zahlt-wir-liefern-danke\/\" title=\"Bericht \u00fcber die Ukraine-Hilfe des Berlin Story Bunker\">Das Team des Berlin Story Bunker sammelt Geld f\u00fcr solche Schutzausr\u00fcstungen f\u00fcr Kinder<\/a>. Ich habe auch schon Geld gespendet und werde das immer wieder tun.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Museum bezieht klar Stellung. Ein wenig verst\u00f6rt mich die Verachtung, welche deutschen Politikerinnen und Politikern wie Christine Lambrecht (ehem. Verteidigungsministerin) und Christian Lindner (Egomane) zum Ausdruck bringt. Man nimmt hier einseitig die Position des ehem. ukrainischen Botschafters Melnyk ein, gibt dessen Schilderung des Gespr\u00e4chs mit dem Finanzminister Linder Raum ohne jegliche kritische Einordnung. Es gibt ja auch reichlich Stimmen, welche von einem anderen Gespr\u00e4chsverlauf berichten. Auch wenn jeder Mensch mit einem Herz sich in diesem Konflikt auf die Seite der ukrainischen Bev\u00f6lkerung stellen muss, sollte man sich doch bem\u00fchen, bei der Wahrheit zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alles in allem hat sich der Besuch trotz dieses leichten bitteren Nachgeschmacks sehr gelohnt. Man macht hier eine tolle Arbeit!<\/p>\n\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Indisch essen ohne Karl<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Museumsbesuch ist mein Kopf voll und mein Magen ist leer. Funny van Dannen summend laufe ich zum vorher ausgesp\u00e4hten indischen Restaurant in der N\u00e4he des Bunkers. Hier esse ich die von mir sehr geliebten Zwiebelk\u00fcchlein und eine Brutschelpfanne mit H\u00e4hnchen. Alles sehr schmackhaft.<\/p>\n\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tempfelhofer Feld, Neuk\u00f6lln<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischendurch bekomme ich immer wieder Geburtstagsanrufe. Die nehme ich durch die Stadt laufend entgegen. Ich lasse mich treiben. Das Stadtzentrum von Berlin habe ich nun schon oft genug gesehen, also wende ich mich nach S\u00fcden. An das Tempelhofer Feld kn\u00fcpfe ich Erinnerungen und als ich auf dieser eigenartigen Ebene mitten in der Gro\u00dfstadt stehe, bemerke ich wieder einmal, dass ich ein anderer geworden bin. Dieser Moment ist sch\u00f6n und l\u00e4sst sich nicht mehr vergiften. Ich esse Oblaten. Das sind gro\u00dfe Runde Kekse mit Cremef\u00fcllung. Auch die konnte man mir nicht verg\u00e4llen.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine gewisse Rastlosigkeit bem\u00e4chtigt sich meiner. Vom Tempelhofer Feld aus marschiere ich quer durch Neuk\u00f6lln (wenn ich das richtig mitbekomme) in Richtung S-Bahn. Ich merke nun doch, dass ich heute die falschen Schuhe an habe, denn die Schritte werden langsam schmerzvoller. Ein telefonisches Geburtstagsst\u00e4ndchen von der besten Ex-Frau von allen und dem Thronfolger geben mir Kraft. Ich flie\u00dfe durch die Stadt. Schritt f\u00fcr Schritt durchs Gewerbegebiet.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An der Station \u201cK\u00f6llnische Heide\u201c steige ich in die S-Bahn ein, in Gr\u00fcnau steige ich um.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In K\u00f6nigs Wusterhausen wanke ich noch kurz in den Rossmann und kaufe Duschgel, denn im Hotel gibt es nur diese kleinen Minifl\u00e4schchen mit dem duftigen Seifensschleim.<\/p>\n\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Abend<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Hotel ist dann schon Abend. Nach der Dusche lese ich noch \u201cDie Evolution der Gewalt\u201c zu Ende und schlie\u00dfe die Augen.<\/p>\n\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Geburtstag ist hiermit beendet.<\/p>\n\n\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nacht Eher unruhige Nacht. Die Matratze hat schon bessere Tage gesehen, ich kann aber trotzdem einigerma\u00dfen liegen. Tr\u00e4ume bunt und wirr. Einmal bin ich auf der Arbeit im alten Dienstgeb\u00e4ude, da steht pl\u00f6tzlich eine riesige Menschenmenge vor meiner Bibliothek. \u201eNa, was wollt Ihr denn hier?\u201c rufe ich fr\u00f6hlich und die Menge zerstreut sich h\u00f6flich. 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